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Ursula Anna Woerner – Himmlische Liebe.     Zur Biographie


Aus: U. Carolina Woerner, Gedichte, B. Cassirer Verlag, Berlin, 1906


Himmlische Liebe

Guido Reni – Atalanta e Ippomene


Himmlische Liebe
Caterina an Alessia

Alessia, teure Tochter mir in Christo!
Die Lilie, jene veilchenblaue, sahst du
Aufragen schlank und spröd und ernst im Garten;
Viel grüne Schwerter hielten um sie Wacht,
Ich aber brach sie dennoch meinem Heiland.
Drei Tage sind es nun, daß ich sie pflückte.
Sie stand am Morgen noch so edelstolz
Im Glas vor den durchstochnen heiligen Füßen,
Doch um die Stunde Golgathas begann
Auch sie ihr geistlich frommes seltsam Sterben.
Die vom erhobnen Haupt sich abwärts senken,
Drei lang und weich hinausgeschwungne Blättchen,
Sind Schleier, dünkt es mich, der Gottesbraut.
Denn als sie nahen fühlte das Verderben,
Rollt' mit Bedacht sie ein die seidig zarten,
Kunstvoll gewebten, – und scheu-leise schlug sie
Sich übers Haupt zusammen Blatt um Blatt.
Ich zog mit sachtem Finger nieder eines,
Doch von der Hand verlassen, allsogleich
Strebts aufwärts wieder, keusch ein Haupt verhüllend,
Das bergen will in jungfräulicher Herbe,
Wie nun der Tod es heimsucht, jedem Aug.
Kein Samenstäubchen löste sich und fiel;
Gesammelt in sich selbst ihr ganzes Wesen,
Nur immer enger sich verschließend, blieb
Am späten Abend, da ich's dir beschreibe,
Vom eitel Irdischen nur ein weniges,
Ein Knöllchen, farblos, unbewegt, verschrumpft –
Solch eine rührend arme kleine Leiche! –
Gerettet aber waren Scham und Stolz.

Mit offnem Angesicht die Rose stirbt:
Um Mitleid flehend, halb entblättert, blickt sie
Erbittert kläglich, daß ihr Tag vorbei.
Und rosenleicht gefüget sind wir Frauen;
Zerflattern, faßt uns Leid an, blicken kläglich,
Erbarmung heischend, um nach Trost und Hilfe,
Ein schwaches und verachtetes Geschlecht.
Ich aber sage dir, ich will nicht, daß
Von uns Genossinnen des Wegs zum Heil
Das gleiche gelte. – Die ich Euch berate
(Vom Herrn mir auferlegt) – ich, Eure Mutter,
Gebiete, daß Ihr abtut Weibesschwäche,
Nicht heimfallt an die Furcht und Schmach des Fleisches.
Erharrt den Tod, verhüllt vom heiligen Schleier,
Er find Euch still gefaßt wie diese Lilie,
Denn nur das starke Herz liebt, der ihn sendet,
Der herrschgewaltige süße Ritter Christ. –
Daß ich es dir und allen wiederkünde,
Gab milde Lehre selbst das stumm Geschaffne.
In Liebe grüßet dich die Magd des Herrn,
Die Jungfrau aus Siena, Caterina.