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Ursula Anna Woerner – Karyatide.     Zur Biographie


Aus: U. Carolina Woerner, Gedichte, B. Cassirer Verlag, Berlin, 1906


karyatide

Amedeo Modigliani – Cariatide


Karyatide.

Trägst stolz das Haupt und ungebeugt
Unter der schwer wuchtenden Last;
Dein Mund keusch eingefaltet schweigt,
Die Arme du schlicht niederhängen hast,

Nur die linke Hand das züchtige Kleid
Ein weniges in die Höhe rafft.
So in Ruhe, ganz ohne Sehnsucht und Leid,
Sinnbild bist du jungfräulicher Kraft –

Aber voll Herbheit, die selbst, was dich schmückt,
Die wellenden Haare, streng einflicht,
Und also stumm-beredt ausdrückt:
»zu gehorchen der erhabenen Pflicht

Will ich ewig kühl und einsam stehn.
Und rast vorüber im Wegesstaub
Die Nymphe, deren Locken wild wehn
Unter dem Kranz von üppigem Laub,

Deren Busen schwillt in unbändiger Lust:
In mich versenkt, kühl ich Leben und Lohn,
Und mir schwellt es selig die reine Brust,
Zu stützen in Schönheit ein Pantheon.«