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Margaretha Pilgram-Diehl – Die Sage von der Klagefrau.     Zur Biographie


Aus: Jahrbuch deutscher Dichtung, Herausgegeben von Karl Weller, 1857, Erster Theil, Heinrich Hübner Verlag, Leipzig, 1858


Klagefrau

Alte Postkarte des Schlosses Lichtenstein

Die Sage von der Klagefrau.

In enger Thalschlucht, von Tannen umsäumt,
Wo die eilige Elster vom Felsen schäumt
Und die Abendlüfte so klagend weh'n,
Seht ihr, düster und alt, eine Mühle steh'n.

Es brauset die Welle, wild stürmt sie fort;
Die fröhliche fliehet den schaurigen Ort:
Dumpf rauscht das Mühlrad und stöhnt so bang,
Sonst tiefe Stille, kein Laut, kein Klang.

Keck hängt die Tanne am Bergeshang,
Der Sturmwind umbraust sie mit wildem Sang,
Doch kecker hängt hier an dem höchsten Rand
Eine finst're Burg, die Krieschwitz genannt.

Die Thürme zerfallen, um's graue Gestein
Da flüstert der Epheu und spinnt es ein
Und flüstert so schaurige, blutige Mähr,
Die schwebt um das stolze Getrümmer her.

Ernst schaut die Burg in den Thalesgrund
Und lauscht auf der Mühle erzählenden Mund;
Denn beide verknüpfet ein schauriges Band,
Drum hat sie die Sage Burgmühle benannt.

Es dunkelt, die Trümmer flammen in Gold;
Horch, wie in der Ferne der Donner rollt!
Vor der Mühle sitzt träumend im Dämmerschein
Ein zartes, bleichwangiges Mägdelein.

»Großvater« spricht sie mit bittendem Mund,
»Erzählet mir jetzt in der Abendstund',
Was droben im Schloß einst Böses gescheh'n,
Daß die Leute mit Grausen vorüber geh'n!«

Still sitzt sie zu seinen Füßen hin
Mit horchendem Herzen, begierigem Sinn;
Ernst schüttelt der Alte die Locken weiß
Und beginnt mit zitternder Stimme leis:

»»Wohl sind verronnen Tage und Jahr',
Da lebte da oben ein ungleiches Paar;
Der Ritter, ein Mann von Sitten rauh,
Sein Weib die sanfteste, holdeste Frau.

»»Doch war Frau Werntrud im Herzen ihm gut,
Sanft ruhte sie aus in des Starken Hut;
Und brauste im Zorne der Ritter auf,
So hauchte sie milde Liebe darauf.

»»Nur Eines trübte den häuslichen Heerd,
Ihr lebte ein Zwillingsbruder so werth;
Der war dem Ritter ein Dorn im Aug',
Weil er Gott nicht ehrte nach Väter Brauch.

»»Die neue Lehre zog siegreich durch's Land,
Ihr weihte der Jüngling Herz, Schwert und Hand'.
Der Ritter im Zorn ihm die Burg verwies,
Doch die zärtlichste Schwester nicht von ihm ließ.

»»So hatte man einst nach der Nördlinger Schlacht
Den Bruder verwundet in's Schloß gebracht;
Ganz heimlich pflegt ihn die Schwester treu,
Vor dem strengen Gemahl in ängstlicher Scheu.

»»Das bringt der Burgmüller dem Schloßherrn an,
Er war gar ein böser, tückischer Mann;
Der Ritter in blinder Zorneswuth
Stürzt Beide hinab in des Stromes Fluth.

»»Dort faßt sie das Mühlrad in stürmischer Eil'
Und stöhnt und ächzt zu der Wasser Geheul;
Ein ängstlicher Hülfruf, ein greller Schrei,
Dann lautlose Stille — und Alles vorbei.

»»Nach der grausen That, die der Ritter vollbracht,
Treibt's rastlos ihn fort in die wildeste Schlacht;
Doch nimmer so schönen Tod er fand,
In's Kloster er wandert in fernem Land.

»»Frau Werntrud, weiter die Sage spricht,
Sie wandle als Geist um die Trümmerschicht;
Und öffnet sie klagend den stillen Mund,
So thut sie der Mühle ein Unglück kund.

»»Denn weil der Burgmüller beging den Verrath
Und den Ritter gereizt zu der blutigen That,
Ruhr schwer ein Fluch auf der Mühle Grund, —
So steht mit der Burg sie in schaurigem Bund.««

Der Alte schweigt, das Mägdlein schaut auf,
Da raget im Mondglanz der Trümmerhauf';
Sie schauert, denn hoch auf dem Mauerrand
Sitzt die Burgfrau im weißen Todtengewand.

Es flattert im Nachtwind ihr braunlockig Haar,
Ihr Angstruf tönet so schaurig klar;
Der Großvater und sein bleiches Kind
Still betend zur Erde gesunken sind.








Margaretha Pilgram-Diehl – Die Sage von der Klagefrau.

Margaretha Pilgram-Diehl – Die Sage von der Klagefrau.

Margaretha Pilgram-Diehl – Die Sage von der Klagefrau.