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Grazia Pierantoni-Mancini – Maddalena     Zur Biographie


Aus: Westermann's illustrirte deutsche Monats-Hefte, Herausgegeben von Friedrich Spielhagen, Band XLIX, Januar 1881, Georg Westermann Verlag, Braunschweig, 1881
Das Gedicht wurde von Paul Heyse übersetzt.


Maddalena

Francesco Hayez – Meditation on the History of Italy

Maddalena

An meine Schwester Flora.

Flora! die Maddalena ist gestorben;
Und schwermuthsvoll von meinem Söller aus
Betracht' ich Sterne, Berge, weites Feld
Und rufe mir des schlichten Mädchens Bild
Einsam zurück.

          Dir, Schwester, die du sie
Ja auch gekannt, will ich von ihr erzählen,
So ohne Kunst, wie es das Herz mir eingiebt.
Gedenkst du noch, gleich mir, des ersten Males,
Da wir sie sah'n am Fuß des dürren, dürft'gen
Tifate?

          Ihres Auges blauen Stern,
Den mächtigen, verklärt' ein sanftes Lächeln;
Ihr dichtes Haar umfing wie eine braune
Guirlande weichgeringelt ihre Wangen
Von zartem Blaß.

          Ein Scepter ist die Schönheit;
Mit dem beherrschte sie ihr Dorf. Und Alle,
Die wir befragten, sprachen in die Wette:
's ist Maddalena! – gleich als sagten sie:
's ist uns're Herrin!

          Neigt' ich mich doch selbst
Bewegt vor diesem Mädchen, wie vor Allem,
Was Göttliches Kunst und Natur erschuf.
Und als ich fand, wie gut und lieb sie war,
Verständig und von sittigem Gemüth,
Gefiel mir's, zur Gefährtin sie zu wählen;
Und durch die Wiesen, Thäler, steilen Pfade
Der Berge führte sie mich stets geduldig,
Jetzt mir des Armen niedre Hütte weisend
Mitleid'gen Herzens oder ziellos auch
Umschweifend, meinen Schritten folgte sie
Auf fels'gem Weg.

          Und niemals forschte sie,
Was etwa mehr als sonst mich fröhlich oder
Nachdenklich machte, traurig oder stumm.
Wenn mich der Sonne Sinken, wenn ein Strahl
Des Mondes, eines Oelbaums alter Stamm,
Am Strauch die junge Blüthe plötzlich mich
Zu Thränen rührten, – ohn' ein skeptisch Lächeln,
Unwissend nahm sie Theil an meinem Schmerz.
Wenn, wieder Kind geworden, wir dem guten
Pompeo unreif die Orangen pflückten,
Indeß der biedre Bursch ein Pröbchen uns
Von eitlem Wissen gab, hochklingende
Sentenzen radebrechend, übelklingend
Im Bauernmunde, pries ich sie um ihre
Unwissenheit, die ihr so lieblich stand.
Wenn sie im Tact des bäuerlichen Tanzes
Die Füße hastig schwang, berauscht vom Klang
Der Castagnetten und der festlichen
Uralten Cymbel, klatscht' ich in die Hände,
Den schlanken Wuchs bewundernd.

          Höre weiter!
Mit ihr erstieg ich eines Tags den Berg,
Auf dem sich jene alte Stadt erhebt,
Noch aus dem Mittelalter hochberühmt.
Ein Abend war's, wenn ich mich recht entsinne,
Des üppigen September und ein Fest
Dort in der Kirche des Sanct Michael.
Ein bunt Gewimmel, fröhlich halb, halb fromm,
Kam, gläubige Gelübde zu erfüllen;
Und ich von des geduld'gen Esels Rücken
Blickt' um mich her.

          O, welch ein Zauber war
Ergossen auf die grüne Flur, die nach
Der Arbeit heißt! Ein seltsam Widerspiel
Zum nackten, wildzeiriss'nen Apennin,
Der sie umschließt. Und drüben – ferne, fern –
Glänzte das Meer, das die melod'schen Formen
Des schönen Capri küßt und den Vesuv
Mit seinem Wipfelschmuck von ew'gem Rauch.
Nein, lebt' ich hundert Jahre, jener Stunde,
Dort mit ihr zugebracht, vergäß' ich nie
Um das, was dann noch kam.

          Ein furchtbar Heulen
Erschütterte mich plötzlich; einer Mutter
Wehklagen. Ich erkannt' es, und wir eilten
Zum steilen Ziel hinan. Leidvoller Anblick!
Drei blasse kleine Mädchen, ihrem Haus
Entrissen durch den Tod, in weißen Hüllen!
Ergriffen hatte sie die Nacht zuvor
Die tückische Seuche, die in jäher Angst
Laut klopfen macht ein jedes Mutterherz,
Erwürgt die Armen mit der Eisenfaust,
Der unbezwinglichen. So lieblich lagen
Die zarten Häuptlein auf dem kleinen Bett,
Es schien, sie schlummerten, und waren todt.

          Und um die kleinen Bahren drängte sich
Das Volk in dichtem Schwarm, und vom Balcon
Warf aufgelöst die Mutter mit den Schwestern
Und Freundinnen Confetti, Blumen, Küsse
Auf sie herab und flehte: Kehret wieder! –
Voran ertönte eine lärmende
Musik, schrill wie des jüngsten Tags Posaune,
Und eine wilde Liebesinbrunst ging
Von jenem Jammeranblick aus.

          Du weintest
Mit mir, o Maddalena. Dann: Signora,
O klärt mir auf den thörichten Verstand!
Sagt, warum stirbt man vor der Zeit? Was trieb
Die Allmacht Gottes, diese arme Mutter
So zu berauben? – Maddalena, jetzt
Vielleicht verstehst du das Warum. Und weißt du's,
So komm von deinem Stern und sag' es mir. –
Wir gingen trübe mit im Trauerzug
Bis in den alten säulenreichen Tempel,
Ob dessen Thür, ein mystisches Symbol,
Man eine Wölfin sieht, die einem magern
Knäblein die Zitzen bietet, ihm vielleicht
In ihrer Sprache sagt: Ich bin der Tod,
Des Menschen wilde Feindin, den ich säuge! –
Und von den Mauern, Gräbern, Wölbungen,
Vergangner Zeit erhabnen Ueberresten,
Kam eine Stimme, jeder Hoffnung bar.

          Ich wollte fliehn. Zum öden Thurm des Schlosses,
Der schwarz in Trümmern stand, stieg ich hinan
Und hörte Sagen dort von Schätzen, Zwergen,
Kobolden und Gespenstern.

          Zweifelnd fragte
Mich Maddalena, ob sie Wahrheit seien.
Doch lächelt' ich nicht mehr und sprach auch nicht,
Als bis ich meine Kinder wieder an
Mein liebend Herz gedrückt.

          Nur kurze Zeit,
Bevor sie starb, erschien mir Maddalena
Verwandelt an Geberden, Wort und Blick.
Wenn klagend ihren Ruf die Aveglocke
Erschallen ließ, dann in die kleine Kirche
Des Dorfes eilte sie, mit einzustimmen
In jenes süße Lied, das wieder einen
Entschwundnen Tag beweint.

          Dann betete
Sie lang', auf ihre Kniee hingesunken,
Und sanfter ward ihr Lächeln, schmachtender,
Nachdenklicher, begeistigter ihr Auge.
Sie trug, wie dort der Brauch, von schlichter Leinwand
Ein ganz bescheidnes Kleid, doch seine Farbe
Von tiefer Rosenröthe stimmte gut
Zu ihrem Haar und Antlitz. Reizend hob
Der weiße Hals sich aus den weichen Falten
Des rosenfarbnen seidnen Tüchleins, das
Sich züchtig um den jungen Busen schlang,
Sie hatte mir vertraut, sie lieb'; ihr Freund
Sei ein Student, ein armes treues Blut;
Geschworen hab' er ihr, sie heimzuführen.
Ich tadelte sie streng; um sie zu warnen,
Erzählt' ich ihr von Margherita's Schicksal
Und hundert Andern, die verlassen wurden.
Sie schüttelte den schönen Kopf:

          O Herrin,
Mir liegt's in der Natur, daß ich mich stets
An Solche schließen muß, die höher stehn.
Ich schätze meine Leute nicht gering.
Doch anders ist, was mich verlockt und anzieht.
Ach, habt Ihr selbst denn nicht so mild und gütig
Mir aufgeschlossen eine andre Welt?

          Nur wenig Monden, und sie starb und sollte
Nicht kosten das ersehnte Glück.

          Ihr Streben,
Das ruhelose, war es schon der Hauch
Des nahen Todes?

          Einsam schläft sie nun
In ihrem ros'gen Kleid, und so erschien
Ihr schwanker Schatten mir auf meinem Hügel.







Grazia Pierantoni-Mancini – Maddalena

Grazia Pierantoni-Mancini – Maddalena

Grazia Pierantoni-Mancini – Maddalena

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