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Anna Klie – Alte Nester     Zur Biographie


Aus: Raabe-Gedächtnisschrift, Herausgegeben von Prof. Dr. Heinrich Goebel, Erstes Sonderheft der Xenien-Monatsschrift für Literatur und Kunst, Xenien-Verlag, Leipzig, 1912


Nester

Hanns Fechner – Wilhelm Raabe

Alte Nester

Ich hab es erlebt vor manchem Jahr,
Doch dünkt mich, es war erst gestern,
Da las ich, als ich ein Backfisch war,
Das Buch von den »Alten Nestern«.

Ich wußte wenig von Poesie
Und gar nichts von Wilhelm Raabe,
So kam in die Hände von Anna Klie
Des Meisters köstliche Gabe.

Im Garten hockt' ich, das Buch im Schoß,
Bis sinkend der Abend gedunkelt
Und über dem Haupte mir still und groß
Der Himmel voll Sterne gefunkelt.

Dann bin ich mit dem Buch im ganzen Haus
Von einem zum andern gegangen:
Wer kennt Wilhelm Raabe? so rief ich aus,
Mir glühten vor Eifer die Wangen.

Da sprach eine Muhme:»Der kam mir einmal
In Wolfenbüttel vor Augen,
Er schreibt Geschichten in großer Zahl,
Ich weiß nicht, ob sie was taugen.

Denn von Geschichten, mein liebes Kind,
Da lob' ich mir die bequemen,
Und was die Bücher von Raabe sind,
Da soll man sich schwer draus vernehmen!«

Hei! ließ da der Backfisch der Zunge Lauf,
Den neusten Schwarm zu vertreten!
Doch Wolfenbüttel blieb obenauf
Und steinigte seinen Propheten!

Ich aber schöpfte aus »heiligem Born«
Und pries ihn laut, trotz der Muhme,
Und vernahm begeistert das prächtige »Horn«,
Das »Wanza« erklungen zum Ruhme.

Ich hab mit »Mathilde Sonntag« gelacht,
Für »Antonie Häußler« gezittert,
Und es hat »Des Reiches Krone« mit Macht
Das tiefste Herz mir erschüttert.

Und heut' noch – tret' ich zum Bücherbort,
Und schweife entlang mit den Blicken,
Und suche nach frühlingsatmendem Wort,
Die Seele recht zu erquicken,

Dann winken umsonst mir, vom Goldschnitt beglänzt,
Romane, Novellen und Lieder:
Ich lese, was Zauber der Jugend mir kränzt,
Ihr »Alten Nester« euch wieder.








Anna Klie – Alte Nester

Anna Klie – Alte Nester

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