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M. E. delle Grazie – Teufelsträume.     Zur Biographie


Aus: Moderner Musen-Almanach auf das Jahr 1894, Herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, Zweiter Jahrgang, Verlag von Dr. E. Albert & Co., Seperat-Conto, München, [1894]


Gebet

Franz von Stuck – Die Sinnlichkeit

Teufelsträume.

I.


Er blieb mir immer nah . . . . Wie viel der Götter
Mein Denken auch verdaut, wie viel an Wahn
Und Glauben ich von mir gewiesen, reulos,
Zu stolz ein Lotophag des Trugs zu sein –
Kampfhungrig, sinnendurstig, nach dem Leben
Begehrend, wie es in mir aufschrie, und
Bereit, lieber die Hölle einzuhandeln,
Die Hölle, die da »Selbsterkenntnis« heißt,
Als einer Lüge bodenlosen Himmel,
Ein Siechen-Paradies, drin welke Kraft
Und müd hindämmernde Gehirne feiern,
Und selig thun . . . . Er blieb mir immer nah!
Und seltsam war's, zu sehn, wie er allein
Sein düst'res Rätselhaupt emporhob aus
Der Sintflut meiner zornigen Gedanken,
Die höher stieg und immer höher: erst
Der Kindheit unschuldvolle Friedensstätten
Hinwegspülend; die Tempel dann, darin
Im Flitterstaat die steifen Götzen thronen,
Die wir anbeten, weil die Mutter es
Gethan, die uns gesäugt, und jene Größ're,
Die uns'rer Mutter Mütter aufgesäugt:
Vergangenheit, die welke Menschheitsamme.
Hoch über ihre Tempel ging die Flut . . . .
Drauf meines eig'nen Herzens Heiligtümer
Begann sie zu bespülen – kalt, eiskalt,
Daß mich ein Grau'n durchschüttelte, wie ich
Allmählich die verschwinden sah, und jene
Als Strandgut auf den Fluten treiben: Alle
Lebendig einst, und Teile meines Ich's –
Nun Leichen . . . . und die Flut stieg höher, höher!
Schon zwischen meines einst'gen Glückes Trümmern,
Und dem Gebälk der Tempel meiner Götter,
Und meiner Ideale krampferstarrten
Leichnamen trieb frei meine Arche hin –
Doch er blieb nah mir: aus der Ebene
Des Ozeans, der über Ideale
Und Götter seine schwarzen Wolken rollte,
Eintönig, hob er gipfelstolz das Haupt,
Wie damals aus dem Meer der Engelschaaren
Er's hob, unüberwindlich, da Jehovah
Die weiten Himmel frug: »Wer ist wie Ich?!«

II.


Ich aber – wie an einer Krankheit litt ich
An ihm, der Qual mir war, und doch auch wieder
Geheime Leidenschaft, darin ein mystisch
Begehren fremd mit angebor'nen Schauern
Sich paarte, und mit einer Sehnsucht, die
Ich liebte, scheu und heiß wie einen Frevel.
Um mich schien er zu sein, wo ich auch ging,
Ein ungeseh'ner, doch empfundner Schatten,
Dem Form zu geben und Gestalt ich rang.
So nah' oft schien er, daß mir war, als fühl'
Ich seiner Athemzüge Geh'n und Kommen,
Und müss', kehrt' ich ein wenig nur das Haupt,
Ihn lächeln sehen, über meine Schulter
Hinweg . . . Zumeist dies Lächeln quälte mich,
Dies ungeseh'ne, und doch ahnungsvoll
Geschaute! So viel Freiheit lag darin,
Und ein wollüstig königliches Glück
Das froh in stolzer Einsamkeit sich sonnte,
Und Mut hatte, reulosen, unbeirrten
Despotenmut . . . .
                        Wer also lächeln konnte,
Der hatte Viele weinen schon gemacht – –
      Ich fühlt' es wol, und haßte ihn darob
Wie Sklaven und Getret'ne Freie hassen,
Und Schwache Starke. – Doch wenn aufgelöst
Ich lag im Bann des Schlummers; wenn nach Innen
Die Sinne all' sich kehrten und aufschrie'n
Wie Hungrige; das Blut Haschisch ward, und
Machtlos, wie ein Betrunkener, das Bewußtsein
Just auf derselben Schwelle lag, die sonst
Erbebt vom Echo seiner Büttelschritte –
In dieser Stunden Ohnmacht riß er mich
Vom Lager auf, gewaltig, wie Traumwandler
Des Mondes Strahl emporzieht. Nacht für Nacht
Geschah mir so. Nicht daß im Traum er schreckhaft
Vor mich hintrat – sein Kichern nur vernahm ich,
Ein leis' anlockend, wunderliches Kichern –
Und seinem Schalle folgt' ich Schritt für Schritt,
Neugierig, mit scheu angezog'nem Atem.
      Stets führt' es vor dieselbe Thüre mich.
Verschlossen war sie – doch dahinter saß er –
Ich wußt' es wol, hob meine Hand auch nie
Zur Klinke sich, denn feig sind Händ' und Augen,
Bewußtseinsknechte! Tapfrer war mein Ohr:
Das lauschte gierig, lüstern, bis die Seel'
Sich frug: »Wie mag der drinnen sich vergnügen?«
      Und sieh: wofür ich wachend ihn gehaßt,
Im Traum begann ich drum ihn zu beneiden!
Einmal so aufzulachen können – ah –
Ein einzigmal nur – unbekümmert, reulos . . . .
Und plötzlich schien dies Lachen mir ein Gut,
Ein großes, herrliches, darum die Menschheit
Betrogen ward, oder sich selbst betrog,
Und noch betrogen wird, und das sie heimlich
Zurücksehnt, vor verschloss'nen Thüren lauernd,
Wie ich . . . .
            Wenn sie versuchte, so zu lachen?
Wenn . . . . Und ganz heimlich quoll's dann in mir auf,
Als woll' es sich zu jenem Klang verdichten.
Doch – da verstummte er, – und plötzlich war mir,
Als säh' ich ihn, wie er, vor sich hinlächelnd
Das Haupt neigte, um mich nun zu belauschen . . . .
Entsetzt, in Schweiß gebadet wacht' ich auf.

III.


      Ob je ich's wage, jene Thür zu öffnen?
Feig sind wir, Knechte, selbst wo wir begehren!
O pfui der greisenhaften Lüsternheit,
Dazu die Leidenschaft in uns entmannt ward;
Der Freiheit, die als Bagnosträfling wir
Tagtäglich mit den Ketten rasseln hören,
Und lachen nicht dazu, und bleiben ernst,
Und staunen, Vaterstolz im blöden Auge,
Der Sitt' und Nützlichkeit Homunkel an!
Sind sie nur heerdentüchtig! Keines andern
Vorzug's bedarf es, wo so allgemach
Zur Tugend sich die Wolle hat vervollkommt!
      Ich dacht' es, und entschlief – entschlafend noch
Mich fragend: »Wie mag Jener sich vergnügen?«
      Da kam ein Traum, hold dämmernd über mich,
Ein Traum, wie keiner noch mir Sinn und Seele
Entzückt: Ein fremdes Land sah ich, fremd mir
Bis auf die Töne, die an's Ohr mir schlugen,
Bis auf die Farben, die mein lechzend Aug
Berauschten. So dem ersten Blick erschien es,
Der wie betäubt aufging in brünstigem Schaun
Und tief einschlürfendem Genuß. Allmählich
Erkannt ich erst die Farben meiner Welt;
Nur daß sie andre Dinge färbten, als
Dort oben, wunderlich verteilt mir schienen,
Und doch so wahr hier wirkten, daß beschämt
Als Unnatur sich plötzlich die Erinn'rung
Empfand. –
                  Da lag ein rosenfarb'ner See,
Kristallhell bis auf seinem Grund. Stahlblaue
Reflexe, und grün-gold'ne huschten leis'
Wie Schemen über seine Fläche, und
Ein Klingen ging von seinen Wogen aus.
Phantastische Gewächse wucherten
Längs seiner Ufer: Riesen-Blumenkelche,
Die wie Fühlhörner ihre Staubfäden
Ins Naß der Fluten tauchten, tastend, saugend
Und schlürfend, in wollüstigem Genuß.
Dahinter hoben schwarze Marmorfelsen
Wie Festungsmauern sich, steil abfallend,
Und pfadlos – weltausschließend, weltverachtend.
Doch wo zum einz'gen Durchblick sie sich theilten,
Da brach's herein, wie eines unbekannten
Gestirnes Lichtflut, blendend, sinnberückend,
Das Sonnenzentrum, das den Dingen rings
So eigne Farben lieh, und doch sich selbst
Verbarg, geheimnisvoll, unnahbar, wie
Ein Gott im Strahlenkleid des eignen Lichts . . . .
Und aufschrie plötzlich heiß in meiner Seele
Ein Wunsch: die Sehnsucht dort zu sein, entgegen
Zu steuern diesem Licht, das trunk'ne Farben
Ringsum zerstreute, und Empfindungen,
Die nie mein Herz berauscht, nie meine Sinne
Durchschüttelt. Sieh, und wie ich's dachte, nahm
Gleich einem Boote eine ros'ge Welle
Des Sees mich auf, und trug mich schaukelnd weiter
Und weiter. Leis' klang unter mir die Flut,
Im Rhythmus einer wundersamen Weise.
Aus ihrer Tiefe aber stierten halb
Entsetzt, halb lüstern, unzählbare Augen
Zu mir empor, geheimen Neid im Blick,
Und durst'ge Glut und eunuch'sche Trauer.
In bleichen, freudlosen Antlitzen brannten
Wie Kohlen hinter einer Maske sie –
Nur daß lebendig jede Maske war,
Daß klingend ihre Lippen sich bewegten.
      »Wir wagtens nie, dem Meer des Bluts uns zu
Vertrauen!« klagten sie. »Nun schaukelst du
Dahin, als hätt' es keine Ungeheuer
Und keine Tiefen . . . . Reiht hinab sie, die
Verbrecherin!« Und ihre Arme, welke
Asketen-Arme, reckten sich empor,
Und suchten meines Kleides Saum zu haschen.
Doch kraftlos sanken sie zurück, und hell
Auflacht ich, plötzlich ihres Neids mich freuend,
Und ihres Zorns, der ohnmächtiger Wunsch
Nur war, nicht mehr. . . .
                        Die Welle trug mich weiter.
Vorbei an jenen Riesenblumenkelchen
Nun glitt ich, die zuerst mein Aug berückt.
Doch sieh – nicht Blumen, Götterknäblein waren's,
Die knapp am Strand sich sonnten, derb-frohe,
Gesunde Genien! Händ' und Fuß' und Lippen
Bethauten wechselnd in den Fluten sie,
Und ihre Flüglein, thau'ge Falterschwingen,
Bewegten auf und nieder sich dabei,
Wie atmend. Und sie sangen:
                        »Sei bedankt,
Daß an des Blutes Heilquell Du uns wieder
Aufblühn läßt – Deiner Sinne Genien sind wir!«
      Und weiter, weiter trug die Welle mich.
Schon glitt im Feuerzauber jener Sonne
Ich hin, und nun – ha – nun erblickt' ich sie:
Ein Eiland war's! Allein, selbstherrlich lag
Es da, selbstleuchtend – ein vergess'nes Eden!
      Am Saume seines Ufers aber lag,
Im Glanze ihrer gold'nen Schuppenringel
Sich sonnend, eine Schlang', gekrönten Haupts.
Dämonisch, wie mit unsichtbaren Fesseln
Zog mich ihr wollüstiger Blick ans Land . . .
      Hinsank ich. Meine Lipp' nur hauchte: »Satan!«
Da streckte sich die Schlange über mich . . . .

IV.


Es war, als wacht' ich ans aus tiefem Schlummer,
Erquickt, und sinnenfrisch und thatbereit.
Aufhorcht' ich, und ich hört' – und täuscht' mich nicht –
Auf's Neue jenes wunderliche Lachen.
Nur heller klang es, und in feiner jähen
Kadenz vibrirte ein verhalt'ner Schrei.
Aufzog es mich auch heut', und jener Thür zu.
Doch sicher klang mein Schritt, nicht schlich ich mehr,
Und an mir nieder rieselte das Graun
Wollüstig, wie die Ringel jener Schlange.
      Ein Griff – ein Druck – aufflog die Thür . . . ha, träumt' ich?
      Da stand ich selbst und lächelte mich an!
      Gehüllt in weiße Kleider stand ich, Rosen
Im Haar, blutrote, lebenschwellende,
Im Angesicht das Lächeln, das an ihm ich
Zuerst gehaßt, sein freies, reuloses
Despotenlächeln . . . starr zu meinen Füßen
Lag, und entseelt die Schlange jenes Traums.
      Wer war Phantom hier?
                        Da nahm sie das Wort,
Die Kranzgeschmückte, die wie eine Herrsch'rin
Vor mir stand: »Sieh, nun bin ich frei!« Und auf
Die Schlange fetzte sie den Fuß. »Mein Balg ist's,
Der Kerker, drin die Heerde fest mich hält,
Seit für das »Wir« die königliche Freiheit
Des »Ichs« sie hingab, dort, im Paradies!
Das eigne Ich verdammte sie als Schlange,
Da kraftberauscht in ihrem Blut es aufstand
Und schrie: »Genießet, daß ihr seid wie Gott!«
Ihm lauschend, aß vom Baume der Erkenntnis
Der Mensch – vor ihm erbebend aber floh er
Und schämte sich der Nacktheit seiner Kraft,
Der göttlichen, und ließ die gold'nen Früchte
Am Baum des Lebens ungenossen steh'n.
So heut wie damals thut er noch: Er schaudert,
Und gibt sich hin als Sklav den Göttern und
Den Brüdern, und wagt nie, er selbst zu sein,
Und sieht die Schlang', wo nur sein Ich sich aufbäumt,
Und nach der Frucht am Baum des Lebens langt!
      Ich geh' nun, sie zu brechen! Lang genug
Krümmt' ich im Dienste deiner Feigheit mich –
Ans meinem Weg, Gespenst!«
                        Sie rief's und an mir
Vorüber schritt hinaus sie – ich hinein.
Zufiel dumpf krachend zwischen uns die Pforte . . . .







M. E. delle Grazie – Teufelsträume.

M. E. delle Grazie – Teufelsträume.

M. E. delle Grazie – Teufelsträume.

M. E. delle Grazie – Teufelsträume.

M. E. delle Grazie – Teufelsträume.

M. E. delle Grazie – Teufelsträume.

M. E. delle Grazie – Teufelsträume.

M. E. delle Grazie – Teufelsträume.