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Juliane Déry – Todesritt.     Zur Biographie


Aus: Die Gesellschaft, Münchener Halbmonatschrift für Kunst und Kultur, Band 15, II (1899), S. 321


Todesritt

Antoine Wiertz – Two Young Girls or the Beautiful Rosine (detail)

Todesritt.

Fort, fort über die Erde
mit weitflatternden Banden,
zehntausend wilde Pferde
ritt ich bereits zu Schanden.
Bricht mir das Roß zusammen,
ein anderes bestiegen,
auf! auf! in hellen Flammen
will meine Sehnsucht fliegen.

Als tanzten Ozeane,
als würden Berge munter,
jauchzen und schrei'n Orkane,
so geht es drüber, drunter
in schwindelnde Weiten –

Da starrt die schwarze Pforte,
durch die gilt es zu reiten,
schrill tönen mir die Worte:
»Runter, mein Reiterfant!
hast Dich ja, meiner Treu',
schön in Dein End' gerannt,
nun ist's mit uns vorbei!«

Verlass' ich auch die Erde,
nicht steig' ich aus dem Bügel,
ich bleibe hübsch zu Pferde,
Herr, laß mir meine Flügel!
Ich kann nicht stille steh'n,
ich armer, toter Reiter,
ach, nicht einmal vergeh'n!

Vorwärts denn, weiter, weiter!
Heijjahü! Rößlein flieh',
daß laut die Hufe schallen!
Heijjahü! Rößlein sprüh',
daß Welten widerhallen!
Im Flug dahingebraust
durch alle Ewigkeiten
und durch die Hölle gesaust –
ich muß ja reiten, reiten!







Juliane Déry – Todesritt.