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Marie Laura Förster – Sehnsucht zu weinen     Zur Biographie


Aus: Marie Förster, Gedichte, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1857


Weinen

Fritz von Uhde – Weinende

Sehnsucht zu weinen.

Mir war das Herz so übervoll,
Und wie im bangen Klopfen
Nun Trän' auf Trän' dem Aug' entquoll,
Da freut ich mich der Tropfen
Und dacht' in warmer Flut der Augen
All' meine Schmerzen auszuhauchen.

Doch weh! der warme Strom entschwand
Vor ernsten innern Worten;
Vernunft drückt ihre kalte Hand
Auf meiner Seele Pforten –
Und vor dem Druck der Kalten, Strengen
Die Thränen all' zurück sich drängen.

O glücklich Herz – in jener Zeit,
Wo du noch ungezügelt
Für jede Pein und Seligkeit
Die Pforten dir entriegelt,
Und so den Augenblick umfangen,
Daß ganz in ihm du aufgegangen.

Nun, jeder Regung dir bewußt,
Hast du gelernt, zu denken,
Den wilden Schmerz, die heiße Lust
Durch kaltes Wort umschränken,
Drängst das Gefühl nun in die Schranken
Hin vor den Richter – den Gedanken.

Wenn jetzt dem Aug' die Thrän' entquillt,
Die Löserin der Herzen,
Und sie zurück der Richter schilt,
Will in verhaltnen Schmerzen
Kein einzig Glück mir größer scheinen,
Als Kind noch sein und frei zu weinen!








Marie Laura Förster – Sehnsucht zu weinen

Marie Laura Förster – Sehnsucht zu weinen