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Anna Klie – Wunsch     Zur Biographie


Aus: Deutsche Dichtung, Band VII, 7. Heft, 1. Januar 1890, Herausgeber: Karl Emil Franzos


Wunsnch

Christian Rohlfs – Frühlingswald

Wunsch

Kommst du dereinst auf dunklen Schwingen,
Des Lebens letzten, weißen Kranz,
O düstrer Schnitter, mir zu bringen,
So komm im Frühlingssonnenglanz!

Ach zögere nicht bis welk die Ähre
Der Sichel sommermüd erliegt,
Und herbstlich übers Feld, das leere,
Ein Netz aus weißen Fäden fliegt.

Nicht, bis der Freude letzte Welle
Von meinem Ufer meerwärts rann, –
O such' an unversiegter Quelle
Mich auf im frühlingsgrünen Tann!

Wenn mit gesprengter Knospenhülle
Die Anemon' im weißen Kleid
In jugendfrischer Hoffnungsfülle
Erblühend rings den Grund beschneit.

Wenn mir von jener Lebenswonne,
Die meine Flügel einst gestählt
Zum Flug ins Reich der ewigen Sonne,
Der lenzgeschmückte Wald erzählt.

Daß ich ein Blatt, im Sturm gebrochen
Vom Blütenast mich wähnen mag,
Und in des Lenzes Lebenspochen
Fortdauere meines Herzens Schlag.








Anna Klie – Wunsnch