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Erotische Gedichte

Ernst von Wolzogen – Das Lied von den lieben, süssen Mädeln.     Zur Biographie


aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, Herausgegeben von Maximilan Bern, Verlag von Otto Elsner, Berlin, 1904, S. 78 f.


erot_005_Otto Mueller - Mädchen am Strand

Otto Mueller – Mädchen am Strand


Nun höret, was der Weise spricht
Zu euren dicken Schädeln:
Verachtet mir die Mädeln nicht,
Die lieben, süssen Mädeln!
Ein bisschen Liebe braucht der Mensch
In seiner schwierigen Lage,
Ob sie nun treu, ob wetterwend'sch,
Kommt dabei nicht in Frage.
Der Herrgott ist kein Staatsanwalt,
Noch weniger ein Philister.
Wenn einer Durst hat, trinkt er halt,
Und wenn ihn hungert, isst er.
Die Wirtschaft wär' doch auch zu toll,
Wenn's etwa so sein müsste:
Die Welt von süssen Mädeln voll,
Und keiner, der sie küsste!
Die Nacht, die hält den Atem an,
Löscht leis all ihre Kerzen,
Nimmt irgendwo ein seliger Mann
Sein Mädel sich zu Herzen.
Und wenn die süsse reine Maid
Dem stürmischen Verlangen
Die ganze junge Herrlichkeit
Hingiebt in wehem Bangen,
Dann tropft von Gottes Auge sacht
Ein goldnes Sternschnuppflämmchen,
Indes in seinen Bart er lacht:
»Gesegne's dir, mein Lämmchen!«
Der Herrgott findet seine Freud'
Am Kosen und am Küssen.
Der Herrgott und die Dichtersleut',
Die doch auch leben müssen!
Ein Dichter, der nicht küssen kann,
Weil ihm die Mädeln fehlen,
Was muss solch arm bresthafter Mann
Sich mit dem Dichten quälen!!
Die Liebe leiht der Leier Schwung.
Beschwinge dich, Gelichter!
So lang das Herz noch jung, jung, jung,
So lange bleibt ihr Dichter!
Und ob die Liebe sieben Tag',
Ob sieben Jahr' sie währe,
Heisst sie, so oft sie kommen mag,
Willkommen, froh der Ehre.
Ergreift das Glück, wo es sich schenkt
In lieblichem Umdrängen,
Und wer ein liebes Mädel kränkt,
Den sollte man gleich hängen!
Drum höret, was der Weise spricht
Zu euren dicken Schädeln:
Verachtet nur die Mädeln nicht,
Die lieben, süssen Mädeln.



erot_005_Ernst von Wolzogen - Das Lied von den lieben, süssen Mädeln.

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