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Maria Janitschek – Das Weib.     Zur Biographie


aus: Maria Janitschek, Verlag Süddeutsche Illustrationscentrale, München, 4. Auflage 1910, S. 11-13



Das Weib.

Es war eine Geige.
Unscheinbar und schlicht
Lehnte sie in einer Ecke
Des prunkvollen Zimmers.


Ein großer Künstler
Besaß die Geige.
Es kamen Schüler
Und Freunde zu ihm,
Um zu lernen
Und um ihm zu schmeicheln.


Manchmal hielten sie stumm
Vor der Pforte des Hauses.
Hatten die Sterne Stimmen bekommen?
War der Erde Feuer
In eine Seele geflossen
Und schlug aus ihr
In tausend jauchzenden
Klingenden Flammen?


Und die Lauscher
Eilten hinauf in den Saal,
Und sie trafen den Meister
Mit heißen Augen
Und zitternden Pulsen.


»Wo ist das Werkzeug,
Womit du den Himmel betörst?«
Riefen sie.
Er aber deutete
Auf die unscheinbare
In der Ecke lehnende
Schlichte Geige.


Und die Schüler
Versuchten die Saiten
Und begannen sie
Zum Tönen zu bringen.
Derbe Klänge irdischen Wohllaut's
Entlockte ihr Bogen,
Aber jene berückende
Bacchantische, heiße,
Glückselige Seele
Sang ihnen nicht.
Grübelnd verließen sie
Das Haus ihres Meisters.


Doch als er allein war
Trat er zu seiner
Schlichten Geige
Und berührte sie.
Und sie sang und jauchzte
Und Blumen schienen
Unter seinem Bogen zu sprießen,
Und wie Lachen
Blutig geküßter Lippen,
Wie Kosen kleiner, unschuldiger Vögel
Kam's aus den Saiten.


Heil dir, Geige!
Der nur der Eine
Jauchzen des Himmels entlocken kann!!




Maria Janitschek - Das Weib.
Maria Janitschek - Das Weib.
Maria Janitschek - Das Weib.
Maria Janitschek - Das Weib.