ngiyaw-eBooks Home


[Cäcilie Zeller] – Aus den Papieren einer Verborgenen.

Gedichte

Dichtungen, Aus: [Cäcilie Zeller], Aus den Papieren einer Verborgenen, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1847





Ihro Majestät der Königin

Elisabeth von Preussen

sind diese Blätter aus inniger Dankbarkeit

in tiefster Ehrfurcht gewidmet.





Vorwort.

Die Verfasserin der folgenden Blätter hat auf den vielfach geäußerten Wunsch von Freunden sie der Oeffentlichkeit übergeben in der Hoffnung, daß sie in weiterm Kreise die Freude und den Segen bringen werden, der sie im engern stets begleitete.

Sie sind die Frucht eines Lebens, reich an Freude und Schmerz, wie sie ein liebendes Herz aus der Hand seines Gottes zwar annimmt, aber deshalb nicht weniger tief und lebhaft empfindet; wie sie sich spiegeln in einer leicht bewegten Phantasie und den Geist zu tieferm Nachdenken anregen. Ihren Mittelpunkt bildet, wie der Leser beim ersten Ausschlagen entdecken wird, das Verhaltniß der gläubigen Seele zu ihrem Erlöser, dem sie sich wie die Blume der Sonne zuwendet, der sie vom tiefen Weh der Sünde befreit, in dem als ihrer Lebensluft sie aufathmet und Kraft empfängt zu jedem Kampfe, der in der Nacht dunkler Führungen als Stern ihr leuchtet. An die Welt, der dies Schwärmerei ist und deren übersättigten Geschmack der vollendetste Ausdruck irdischer Leidenschaft kaum noch reizt, wendet sich dies Büchlein nicht, wenngleich es bereit ist, die Schmach, die seinem Herrn von jener Seite noch täglich widerfährt, ihm nachzutragen. Auch mischt es sich nicht in den lauten Streit der Theologen, der abermals von mehr als einer Seite so unerbaulich geführt wird. Nein, es klopft an die Thüren an, wo der Frieden wohnt, es ladet zum Genusse ein der Güter, über welche jene streiten. Es will die Seelen, die Frieden gefunden, an den Urheber ihres Glücks erinnern, den wechselnden Stimmungen ihres innern Lebens Ausdruck leihen, über Zweifel und Anstöße, die auch ihnen noch begegnen, durch freundlichen Rath hinaushelfen; den Suchenden aber den nächsten Weg zum Ziele, den Weg des demüthig harrenden Gebets, des stillen Umgangs mit Gott zeigen. Und, weil selbst in diesen Kreisen die leidige Kritik sich den reinen Genuß nicht selten zu verkümmern pflegt, so bittet man den freundlichen Leser, es nur zur guten Stunde, wo das Herz offen und bedürftig ist, zur Hand zu nehmen. Wird diese Bitte erfüllt, so denke ich nicht, daß ein christlicher Kritikus ihm 1. Tim. 2, 12. entgegenhalten, oder an der freien und heitern Betrachtung des Natürlichen sich ärgern werde. Ich gestehe, daß gerade diese von einem wahrhaft wiedergebornen, kindlichen Herzen zeugende Weise mich daran vorzugsweise erfreut.

Zur Nachricht diene, daß die Liedercompositionen am Ende dieses Bandes keinen andern Anspruch machen, als der musikalische Ausdruck des Gefühls der Dichterin zu sein; und daß die Fortsetzung der Briest aus der Schweiz im zweiten Theil besonders die kirchlichen Bewegungen des Jahres 39 zum Gegenstande haben.

Uebrigens hat der Unterzeichnete es nur auf die Bitte der Verfasserin übernommen, ihr Buch durch dies Vorwort einzuführen, da er sonst überzeugt war, daß es seinen Weg selbst finden werde und seines Schutzes um so weniger bedürfe, als ihm der Name einer edlen Fürstin voransteht, die den still Leidenden sich so gern freundlich zuwendet und in gewohnter Güte die Widmung dieser Blätter angenommen hat.

Vor Allem aber wolle der, von dem sie Zeugniß ablegen, sie mit seinem Segen begleiten und dadurch dem ganzen Unternehmen sein Siegel aufdrücken.


Bonn, im August 1847.

v. BethmannHollweg.





Dichtungen.



Stimmen der Liebe.

Töne such' ich in der Tiefe,
Lausche in der eignen Brust;
Wenn das Wort der Liebe schliefe,
Weckt' ich's auf mit Kindeslust.

Alles Leben löst das Siegel,
Sprengt die Fessel, die es hält;
Sturm auch schlägt die mächt'gen Flügel,
Suchend um die Brust der Welt.

Sonne strömt ihr brennend Leben
In das Meer des Aethers aus,
Lerchenschwingen müssen schweben
Ins Unendliche hinaus.

Auch der siebenfarb'ge Bogen
Schmiegt sich liebend um das Licht,
Und verstehst du, was der Wogen
Sehnsuchtsvolles Rauschen spricht?

Auch der Blume zartes Leben
Gießt sich aus in Glanz und Duft,
Gibt sich ohne Widerstreben
Der geliebten Frühlingsluft.

Sturmesbrausen, Lerchentone,
Blütenliebe, Frühlingshauch,
Das Gewaltige, das Schöne,
Alles spricht und ich nicht auch?

Und der Liebe sollt' ich wehren,
Der gewaltigen, das Wort?
Ihre tausend Stimmen hören
Mußt du dennoch fort und fort!

Laß sie ruhn in Deinem Herzen,
Wo sie selber sich verklärt,
Fürchte nicht des Kampfes Schmerzen,
Krone ist des Kampfes werth.

Laß sie walten, laß sie streben,
Sie ist mächtig wie der Tod,
Ewig, wie das ew'ge Leben,
Ist des Himmels Morgenroth.


Jahresanfang.

Noch steh' ich an der offnen Pforte
Und weit hinaus trägt mich mein Blick,
Und wol mit manchem Dankesworte
Schau' ich still grüßend noch zurück.

Dahin, dahin bist du gezogen,
Du liebes Jahr voll Freud' und Leid,
Nun tragen dich die raschen Wogen
Ins weite Meer vergangner Zeit.

Nun scheidest du und kehrst nicht wieder,
Ein lieber Freund, der's treu gemeint,
Und reihst dich an viel tausend Brüder,
Um die schon längst kein Her; mehr weint.

Ich lehne mich in stillem Sinnen
Zum letzten Mal an deinen Stab,
Den neuen Lauf seh' ich beginnen,
Bald sinkt auch er wie du hinab.

Noch steht der Fremdling an der Grenze,
Grüßt manchen wol mit Thränenblick;
Trägt manche frische Blütenkränze,
Manch bräutlich holdes Jugendglück!

Mir ist sein Antlitz noch verborgen,
Doch fürcht' ich kein Verborgnes mehr;
Denn sieh', es strahlt ein ew'ger Morgen
Hoch über seinem Haupt daher.

Ein Bote ist's der ew'gen Liebe
In Thränen wie im Freudenlicht.
Wenn jedes Herz doch furchtlos bliebe! –
Die ew'ge Liebe wanket nicht!

Hinauf, hinauf! Es hat sich droben
Der Friedensbogen ewig klar,
Der Schild des Heils, für uns erhoben,
Für uns erhoben immerdar!


Rückblick am Geburtstage.

Ofte bin ich weggegangen,
Ließ noch ab vom sanften Joch;
Irrend suchte mein Verlangen
Güter dieser Erde noch.

Ofte wollte nicht genügen
Deiner Liebe Lieblichkeit
Und das Ew'ge ließ ich liegen
Für das Wesen dieser Zeit.

Doch du konnt'st es nicht ertragen,
So verirrt dein Kind zu sehn;
Ohne Zürnen, ohne Klagen
Fühlt' ich dich mir nahe stehn,

Fühlte deine milden Bitten
Um mein eignes höchstes Glück;
Wie mein Herz auch oft gestritten,
Endlich kehrt' es doch zurück.

Von der Liebe Kraft gezogen
Ließ ich meinen Erdentand,
Von der Liebe überwogen
Faßt' ich wieder deine Hand.

Und wie sehr ich dich betrübet,
Dir oft bitter weh gethan,
Der mich ewiglich geliebet,
Nahm mich immer wieder an.

All' mein Irren, all' mein Schwanken
Rührte nie an deine Treu',
Deine seligen Gedanken
Ware n jeden Morgen neu.

Immer, wenn ich bin gekommen,
Warst du freundlich fort und fort,
Hast mich gütig aufgenommen
Ohn' ein einzig schlimmes Wort.

Durch beschämendes Vergeben
Beugtest du den harten Sinn,
Im Vergeben neues Leben
Nahm ich statt der Strafe hin.

Tausendmal hab' ich's empfunden:
So zu lieben weißt nur du;
Nur das Herz voll Todeswunden
Schließt sich niemals, niemals zu!

Osterlieder.

1. Charfreitag.

Herr, öffne uns den Blick in unsre Sünden,
Laß uns noch tiefer in den Abgrund sehn,
Daß wir dein Sterben mächtiger empfinden
Und deine Liebe inniger verstehn.

Laß unser Leben mitgekreuzigt werden,
O würd' es niemals, niemals wieder wach!
Zieh' unsre Herzen zu dir von der Erden,
Du bist erhöht, nun ziehe uns dir nach.

Der Himmelskönig tragt die Dornenkrone,
Ohnmacht und Todesschmach umgaben Ihn;
Wir beten an vor seinem blutigen Throne,
Wir wollen still zu seinen Füßen knien.


2. Sabbath.

Nun ist es Nacht, nun ruht Er aus im Garten,
Die Engel Gottes wachen über Ihn!
Wir woll'n nun mit Ihm ruhn und mit Ihm warten,
Bald wird das Morgenroth im Osten glühn!

Und unsre Sünde hat Er mitbegraben
Tief in der Gruft, versiegelt ist der Stein!
Frei sind wir nun und sollen Frieden haben,
Die Handschrift ist zerrissen – wir sind rein!

Nun wird der Engel Blick an meinem Glück sich laben,
Sie werden liebend meine Brüder sein!
O meine Unschuld soll ich wieder haben,
Im reinen Kleid ein Kind des Lichtes sein.


3. Ostermorgen.

Schon naht Maria draußen auf dem Wege,
Noch eh' der Tag die dunkle Nacht durchbricht:
Da wird der Odem des Allmächtigen rege,
Es weht ein Geist von Gottes Angesicht!

Nun soll das Licht sich aus der Nacht erheben,
Das Wort erwacht, das Erd' und Himmel hält,
Es strömt ein Morgenhauch vom ew'gen Leben
Erquickend um die neugeborne Welt!

Die Allmacht steigt nun aus des Todes Banden,
Und überwältigt ist der Hölle Thor,
Und wir sind jauchzend mit ihr auferstanden,
Die neue Creatur hebt nun ihr Haupt empor.

Wir leben, ja, wir leben durch Erbarmen!
Wer weckte uns? ach, die durchbohrte Hand!
O, mein Erlöser, trag' in deinen Armen
Nun deine Kinder in ihr Heimatland!


Pfingsten.

Stille, stille meine Seele,
Still vor seinem Angesicht;
Denn es kann sein heil'ges Walten
Nur im Stillen sich entfalten.

Nicht im Feuer, nicht in Stürmen,
Nur im Säuseln kommt Er nah';
Gottes Ruhe läßt er wehen
Ueber Tiefen, über Höhen.

In mir sind die stolzen Höhen,
Dunkle Tiefen heißen Weh's,
Oede ist's und wüst und trübe;
Komm, du Geist der stillen Liebe!

Tröstend senkst du dich hernieder,
Und umfängst mich leis und hold,
Stillend alle Erdenschmerzen
Thaut der Fried' aus deinem Herzen.

Durstig saug' ich deine Strahlen
Bis in meinen tiefsten Grund.
Gnadengeist, in deiner Fülle
Wird die Seele licht und stille!


Weihnachtslied von der Einfalt.

Durch die Einfalt selig werden,
Die mit Freuden nimmt und gibt,
Sollen Kinder hier auf Erden,
Durch die Einfalt, welche liebt.

»Denn die Einfalt hängt alleine
An dem ewigen Magnet,
Ja, sie sieht nur auf das Eine,
In dem alles Andre steht.«

Und aus dieser Lebensquelle
Schöpft die Einfalt Kraft und Licht;
Darum bleibt das Auge helle
Und das Herz voll Zuversicht!

Darum dient die Einfalt fröhlich
Ihrem König, ihrem Herrn,
Und in Glaub' und Liebe selig
Folgt sie ihrem Morgenstern.

Engelgruß tönt durch die Stille
Dieser großen, heil'gen Nacht,
Weil ein Kind aus Vaters Fülle
Alle Gaben hat gebracht!

Bitten dürfen nun die Sünder
Um den heil'gen Kindessinn,
Bittend knieen nun die Kinder
Zu des Bruders Wiege hin.

Lieb' und Wahrheit steigt vom Throne
Und die Einfalt ist ihr Schild –
Schmück' uns nun, du Himmelskrone,
Selbst mit deiner Schönheit Bild!

Sünderherzen, Engelchöre,
Loben dich nun für und für;
In der Höhe sei dir Ehre
Und die Tiefe jauchze dir!


Die Geschichte und der Glaube.

Der Glaube stand im Kampf mit der Geschichte
Und stritt mit ihr um's schöne Himmelreich;
Da brachte in dem wunderbaren Lichte
Der ersten Weihnacht aus des Engels Munde
Auch die Geschichte für den Glauben Kunde.

Nun ist auf Erden Fried' und Wohlgefallen
An allen Wegen, die das Schicksal geht,
Und die erlösten Gotteskinder wallen
Zur Ehre ihres Vaters in der Hohe –
Das ist die Klarheit Christi, die ich sehe!


Vor dem Abendmahle, wenn's im Herzen dunkel ist.

Horchen will ich deinem Worte,
Stille warten an der Pforte,
Klopfen, bis du aufgethan;
Kann ich dich auch jetzt nicht sehen,
Wirst du mich doch schon verstehen,
Weißt, was ich nicht sagen kann.

Ja, ich bin in dir geborgen
Und ich darf für mich nicht sorgen,
Schweigt auch jetzt dein Liebesgruß;
Aber dir an's Herz noch legen
Möcht' ich, was ich selber hegen
Und in meinem tragen muß!


Vor dem Abendmahl.

Zu deinen Füßen hingesunken,
Mein sündig Haupt in dein Gewand verhüllt,
Hab' ich schon oft den Kelch getrunken,
Der meiner Seele heiße Sehnsucht stillt.

In stiller Wehmuth harrt auch heute
Mein müdes Herz auf deinen Friedensblick;
Mein Blick sucht treulos oft die Weite
Und sinkt noch leicht ins Erdenweh zurück.

Dann glüht der Funke deiner Liebe
Verborgen wohl, doch schmerzlich in der Brust,
Es ziehen deines Geistes Triebe
Mich wieder weg von Erdenschmerz und Lust.

O, feßle mich mit deinen Seilen,
Du wunderbare Gottesliebe, du!
Laß mich nicht mehr am Wege weilen,
Das irre Herz schließ' ein in deine Ruh'!


Dank nach dem Abendmahl.

Magdalenenthränen fließen
Süß und still zu deinen Füßen
Und an dir hängt unser Blick!
Fröhlich wollen wir dich loben
Mit den Engelchören droben,
Unser Dank ist unser Glück!


Nach dem Abendmahl.

Ich beuge mich vor deiner heil'gen Nähe,
Doch furcht' ich deine Hoheit nicht!
Hold neigst du dich von deiner hehren Höhe,
Sanft leuchtet mir dein selig Angesicht.

Demüthig Haupt, vom Dornenzweig umwunden,
Ach, deine Strahlen blenden nicht!
Es glänzt der Sünder Trost aus deinen Wunden,
Verklärte Knechtsgestalt, in süßem Licht.

Nun setz' ich furchtlos mich zu deinen Füßen,
In deinem Auge ruht mein Blick,
Und fröhlich will ich meine Seel' ergießen,
Du weifst kein bittend Sünderherz zurück!

Die arme Hülle hast du mitgenommen,
Bleibst Menschensohn auch in der Herrlichkeit,
Bist heute auch in Brod und Wein gekommen,
Verhüllst das Göttliche ins Erdenkleid.


Morgenlied am Geburtstag. Luk. 24, 32.
(für L. v. S. den 24. Nov.)

Bleibe bei mir, Herr, 's will Morgen werden,
Meine Seele seufzt nach deiner Kraft,
Die in Freuden, Kämpfen und Beschwerden
Deinen Jüngern feste Herzen schafft.

Auch am Morgen such' ich da Erbarmen,
Wo ich Abends Schuß und Frieden fand,
Ruhen ist nur süß in deinen Armen,
Gehen kann ich nur an deiner Hand.

Wandle mit mir und laß mich's erkennen
Heute auch, daß du mein Führer bist;
Fühlen laß mich's an des Herzens Brennen,
Daß sein Freund ihm liebend nahe ist.

Brennen laß das Herz und dann auch scheinen,
Schenke ihm ein mild erquickend Licht –
Dir zum Preis, zum Segen für die Meinen;
Nur mir selber zeig' sein Leuchten nicht!

Was du wirst durch Schrift und Führung reden,
Leg' mir aus, daß ich's verstehen kann;
Selber sprechen mußt du mit den Blöden,
Herr, du weißt's – drum nimm dich meiner an!
Ach, du selber, selber bist die Wahrheit,
Nur in deinem Licht sieht man das Licht;
Ganz allein nach dieses Urlichts Klarheit
Wend' ich sehnsuchtsvoll mein Angesicht.

Bleibe bei mir, Herr, 's will Morgen werden,
Bleibe, wenn der Tag sich wieder neigt,
Jeden Tag und jede Nacht auf Erden,
Bis der letzte Abend niedersteigt!


Morgenlied.

Nun ist die Zeit der Nacht vergangen,
Es regt sich wieder Seel' und Sinn,
Und was verlangt nun mein Verlangen,
Wo zieht mein erstes Sehnen hin?

Ich möchte dich mit Jauchzen loben,
Doch etwas in mir widersteht
Und zieht mich abwärts statt nach oben –
Ist denn die Erde mein Magnet?

Ach ja, ich fühl' in tausend Dingen
Mich mit der Erde blutsverwandt;
Drum bindet meine Seelenschwingen
Noch oft der Trägheit schweres Band.

Drum muß ich oft noch schmerzlich ringen,
Das Sünderherz ist stumm und leer,
Das Freudenpsalmen sollte singen
Noch mehr, als aller Engel Heer!

Ich bin ein Kind der Himmelswonne
Und Zion ist mein Vaterland,
Dein Angesicht ist meine Sonne,
Mein Schirm ist deine Gotteshand.

Mein Weg geht unter deinem Flügel,
Das ew'ge Leben wohnt in mir;
Ich trag' an meiner Stirn dein Siegel,
Ich leb' und schwebe ganz in dir!

Was hält mich noch die Nacht gefangen?
Die Nacht ist hin, der Tag ist hier.
Der Morgenstern ist aufgegangen,
Längst sieht er strahlend über mir!

So will ich mich des Jochs entladen,
Die Erdenlast werf' ich auf dich;
Im Quell des Lebens laß mich baden,
Mit Geist und Feuer taufe mich!


Morgenlied, wenn man noch milde ist.
(für meine Auguste.)

Nun reiß' mich aus der trägen Ruhe,
Die rüst'gen Streitern nicht geziemt,
Daß ich mein Werk lebendig thue,
Der Anfang schon dich fröhlich rühmt!

Im Schlafe kann ich dich nicht preisen,
Drum flieh' ich gern sein dunkles Land,
Und möchte immer wachend reisen
Bei Tag und Nacht an deiner Hand.

Erfrische meine müden Sinnen,
Du lebenathmend Angesicht,
O, laß den Traum der Nacht zerrinnen
Vor deines Auges sel'gem Licht!

Ich bin ein neugebornes Wesen,
Mir ziemt ein freudig heller Blick;
Vom Sündenschlaf bin ich genesen,
Wer wachsam ist, der liebt sein Glück.


Morgenlied, wenn's in der Seele dunkel ist.

Ich seufze, Herr, um deinen Geist,
Den du den Bittenden verheißst;
Ich durste wie ein dürres Land.
Ist auch dein Blick auf mich gewandt?
Laß meinen Fuß doch nicht ermüden,
Gib mir, mein Gott, ach deinen Frieden!

Vor meinem Blick die Sündennacht,
So bin ich Morgens aufgewacht;
Nun ist der Tag wohl um mich her,
Mein Herz ist aber weh und schwer.
Zerrissen doch erst alle Bande,
Ach, war' ich heim im Vaterlande!

Doch meine Heimat bist ja du,
Was such' ich denn im Himmel Ruh?
Mit heißer Sehnsucht such' ich dich,
Ja in dich selber schließe mich!
Und denk' nicht mehr an meine Sünden,
Laß mich dein Antlitz wiederfinden!

Und lieg' ich da in meinem Blut,
So sei du unaussprechlich gut
Und nimm dich meiner milde an,
Daß ich mich wieder trösten kann.
Wer soll dein krankes Kind denn heilen,
Wenn du nicht wolltest zu ihm eilen?

Gewiß auch heute kommst du nah',
Wenn, ich noch rufe, bist du da,
Kehrst wieder ein ins wunde Herz
Und heilst mir meinen Sündenschmerz,
Wirst täglich Brod zum ew'gen Leben
Auch heute meiner Seele geben.

Und was ich sonst von Erdenweh
Wohl hier und da noch vor mir seh',
Das nimm du ganz in deine Hand,
Die immer gute Wege fand;
Du Helfer Israels sollst walten,
Ich bin ja dein, du wirst mich halten!


Morgenlied.

Mein Gott, zu dir bin ich erwacht,
Nun hilf der Seele aus der Nacht;
Laß deines Wortes hellen Schein
Nun meines Fußes Leuchte sein!

Dein friedestrahlend Angesicht
In Lieb' und Segen auf mich richt',
Laß deines Geistes frisches Wehn
Durch meine träge Seele gehn!

Ein erdiges Gedankenmeer,
Verwirrt und wüst und doch so leer,
Bricht in der Frühe oft herfür
Und findet oftmals offne Thür.

Sprich nur ein Wort: »Verstumm und schweig!«
So zieht dein stilles Gnadenreich
In meine Seel' auch heute ein;
Du süßer Morgen, brich herein!

Mein Haus steht fest auf Felsengrund,
Auf einem ew'gen Gnadenbund,
Der unbeweglich steht und hält,
Wenn Berg und Hügel weicht und fällt.

Der Regen rauscht, die Woge steigt,
Der Felsenboden niemals weicht,
Ohnmächtig sinkt die finstre Macht
Zurück in ihre eigne Nacht.

Nun fröhlich auf! in lichten Höhn
Seh' ich mein Heil dich siegend stehn;
Doch still – es ist kein Erdengut,
Das mich erkauft – 's ist theures Blut!

Ach ja, auf lichten, großen Höhn
Kann ich mein Heil geborgen sehn,
Am Kreuzesstamm in Todesnacht,
Da ist's geschehn, da ward's vollbracht.

Der neue Mensch blickt fröhlich auf,
Zum Himmel strebt sein Siegeslauf;
Der Sünder blickt ins offne Grab
Zu seinen Füßen still hinab.

O reich' dem Sünder mild die Hand,
Die ihn erbarmend sucht' und fand;
Mit deiner liebenden Geduld
Bedeck' auch heute alle Schuld!

Und wie dein treues Wort verheißt,
So stärke nun durch deinen Geist
Dein Kind, das sehnend aufwärts sieht,
Zu deinen Füßen bittend kniet!


Morgenlied.

Engelsflügel deckten
Mich in stiller Nacht,
Friedenstöne weckten
Mich, da ich erwacht.

Deiner Liebe Grüßen
War der erste Ton!
Ach, zu deinen Füßen,
Heil'ger Menschensohn,

Möcht' ich heute liegen,
Heut' und ewiglich!
Still an dich mich schmiegen,
Danach seufze ich.

Deine Augen sehen
Mildiglich auf mich,
Deines Geistes Wehen
Hauchst du über mich!

Ich erwach' in Frieden,
Schlaf in Frieden ein,
Bis mir einst beschieden
Ew'ger Morgenschein.

Alle meine Lieben
Leg' ich dir ans Herz,
Wo sie eingeschrieben
Sind mit Todesschmerz.

Ich will gerne ferne
An der Pforte stehn,
Kann ich sie wie Sterne
Helle leuchten sehn!


Waldmorgen.

Schwebt das Licht in Himmelsfluten,
Strahlt in fesselloser Macht?
Sterne werden seine Gluten
In der kleinen Erdennacht.
In dem breiten Blätterkranz
Ist der Vöglein Lied erwacht,
Spielt der goldne Sonnenglanz
Mit des Laubes grüner Nacht!
Heitre Fülle, Jugendleben,
Morgenfrische strömt mich an,
Die erwachten Kräfte streben
Licht und fröhlich himmelan!
Unaussprechlich Wesen,
Laß zu dir genesen
Unsre Seelen ganz allein
Deines Lichtes Tempel sein!


Abends.

Bleibe bei mir, Herr, 's will Abend werden,
Meine Seele seufzt nach dir!
Jetzt entschlummern deine lieben Heerden,
Ach, nach Ruh' verlangt auch mir.
Herr, du weißt's, wie oft ich mich verirre,
Wie mir oft mein Herz noch müd' und bang,
Löse nun des langen Tags Gewirre
Leise auf in deinen Friedensklang!

Heil', ach heile alle mein Gebrechen,
Sei mein Trost zu jeder Stund'!
Nur Erbarmungsworte kannst du sprechen,
Ewig feste steht dein Bund.
Herr, in deinen offnen Liebesarmen
Ruhen nun die Meinen nah' und fern;
Tief verhülle sie in dein Erbarmen,
Leuchte ihnen, stiller Morgenstern!


Für die Entfernten
(A. und L. v. B.). (Abends.)

Aalte sie an deinem Herzen,
Daß das ihr' es fühlen kann,
Still' ihr Sehnen, ihre Schmerzen,
Süß und innig blick' sie an.

Bleib' vor ihren Augen schweben
Nah' und licht auch in der Nacht,
Daß der Liebe reges Leben
Auch im Traum und Schlummer wacht.

Herr, und feßle dann am Morgen
Ihren ersten Blick an dich,
Daß sie Tag und Nacht geborgen
In dir ruhen ewiglich!


Abendlied.

Friede, Friede aus der Fülle
Deiner Liebe, deiner Ruh',
Friede macht die Freude stille,
Deckt die Schmerzen milde zu.

Erdenweh und Erdenfreude
Ziehn das volle Herz zu dir;
Ach, wie mahnen sie mich beide
An die Heimat über mir!

Doch ich will nicht weiter denken,
Ohne Wort verstehst du mich;
Schweigend will ich mich versenken,
Naher Seelenfreund, in dich!

Nur das Eine: Laß den Meinen,
Von der Engel Blick bewacht,
Deine Leuchte helle scheinen;
Sei ihr Hüter in der Nacht!


Dienstag Abends.

Dienen laß mich, Herr des Lebens,
In der Wahrheit und im Geist,
Daß die Gnade nicht vergebens
Mich dein Kind, dein Bildniß heißt.
Allen liebend unterthänig,
Eine rechte Gottesmagd,
Sei mir Alles noch zu wenig,
War' das Leben auch gewagt,
Weil du, König aller Wesen,
Unter alle dich gebeugt,
Und im Dienst um mein Genesen
Bis zum Tod dein Haupt geneigt.


Abendlied.

Abend ist,
Jesu Christ!
Sprich zum Tagwerk deinen Segen,
Daß ich mich getrost kann legen,
Auszuruhn in deinem Schoos.

Stückwerk bleibt,
Was man treibt
Auf der Pilgerfahrt auf Erden,
Bis wir einst vollkommen werden,
Aufgewacht nach deinem Bild.

Was ich thu',
Decke zu
Mit des Blutes Gnadenkleide,
Mit dem köstlichen Geschmeide
Deiner Treue bis zum Tod!


Abendlied.

Ich lieg' und schlafe ganz mit Frieden,
Dein Antlitz leuchtet über mir;
Ach, deine Kranken, deine Müden
Bewahrt dein Auge für und für.

Die Engel seh' ich niederschweben,
Sie lagern sich um meine Ruh';
Dein Aufsehn hütet mir mein Leben,
Mein Helm und meine Burg bist du!

Verborgen ruht des Hirten Heerde
In seiner Augen holdem Licht;
Die Finsterniß umhüllt die Erde,
Doch seine Klarheit trübt sie nicht.

Es brausen Stürme in der Höhe
Und kämpfen mit erzürnter Macht;
Wie selig still ist seine Nähe,
Die mich umweht in dunkler Nacht!


Abends.

Friede, Friede sei mit Allen,
Die in Christo Jesu sind!
Lasse deinen Frieden wallen
Auch auf mich, dein ärmstes Kind!
Deine Freude kannst du nehmen,
Meinen Hochmuth zu beschämen;
Doch dein süßes Friedenslicht
Nimmst du deinem Kinde nicht!


Abendlied.

Bis ich ewig wachen werde,
Schlaf ich in der kühlen Nacht;
Müde wird man auf der Erde,
Wenn das Tagewerk vollbracht!

Nimm' am stillen Abend wieder,
Was mir deine Liebe gab;
Sieh', ich leg' es dankend nieder
Zu dem müden Wanderstab.

Alle die geliebten Seelen,
Die ich heut' in dir umschloß,
Will ich deinem Geist befehlen,
Leg' ich dir in deinen Schoos.

Ahnend zieht ein leises Sehnen
Mich hinauf ins milde Blau,
Ruft mich, wie mit Liebestönen
Aus der klaren Himmelsau'!

Grüß' im Schlummer meine Seele,
Nah' ihr in verborgnem Raum,
Aus der ew'gen Liebesquelle
Tränke sie in süßem Traum!

Abend am Zürichsee.

Hell glüht der Abend an den blauen Hügeln,
Die Wolken schweben wie mit leichten Flügeln,
Durchschimmert noch vom reichen Farbenglanz,
Still gleitend um den goldnen Strahlenkranz;
Die Sonne sinkt – und Purpurwellen ziehn
Hellfunkelnd durch des Seees grüne Flut,
Die duftenden Gefilde frischer blühn,
In Perlenschmuck zerschmilzt des Tages Glut.
Hoch auf der Alpen breitem Gürtel thronen
Die kühnen Gletscher aus der Urwelt Schoos,
Sie tragen ihre silberhellen Kronen
In königlicher Hohe kalt und groß;
Doch schmiegt sich rosig Licht, wie zarte Liebe,
An die krystallnen Riesenscheitel an.
Wo war' die Schöpfung, der es ferne bliebe?
Es überströmt, wo's nicht erweichen kann!
Und kühle Tropfen, die sich niedersenkten,
Die welken Auen mit Erquickung tränkten,
Sie steigen schwebend aus den stillen Gründen
Im Abendnebel röthlich glänzend auf.
Die Liebe weiß den Heimweg bald zu finden,
Was sie empfing, zieht ihren Blick hinauf!
So liegt, ein Dankaltar zu ihren Füßen,
Die Erde da – und Liebe nimmt und gibt!
Bald wird sie mild die schlafende umschließen,
Die Liebe wacht, die in der Nacht auch liebt!


An die Herzogin v. O.
1837.

O, nimmer bete sie an,
Die Götter verworrener Zeit!
Treu und frei und in Einfalt
Diene dem einigen Gott!
In der Zeit mit der Liebe,
Doch drüber in reiner Erkenntniß
Hilf sie leitend erhellen,
Wie die milden Gestirne
Lockend und leuchtend zum Heil!

Der Mensch. (Nach Calderon.)

In uns vereint sind zwei Naturen,
Oft hell erkannt, oft unbewußt;
Sie tragen beide ew'ge Spuren,
Doch eine stirbt in jeder Brust.

Sie wohnen beid' in einer Hütte,
Doch eine ist der andern Leid,
Und nie ist Fried' in ihrer Mitte,
Denn beider Leben liegt im Streit.

Sie woll'n sich unablässig scheiden
Und bleiben doch an einem Ort,
Dieselben Kräfte dienen beiden:
Die Phantasie, Verstand und Wort.

Doch wo ist nun mein Selbst zu finden?
In welcher Kraft erkenn' ich mich?
Was kann da sondern, was verbinden,
Was ist mein wesentliches Ich?

Nun frag' und prüfe in der Stille,
Schließ' vor dir selbst den Blick nicht zu!
Auf welcher Seite steht dein Wille?
Das was dein Will' ist, das bist du!
Des Einen Bild, der Eins in dreien,
Das war der Mensch in Fried' und Licht;
Noch wählt' und schwankte zwischen Zweien,
Noch theilte sich der Wille nicht.

Doch aus des Abgrunds Schoos geboren,
Die böse Lust in ihm erwacht;
Nun ist der Einheit Glück verloren
Und in dem Streite siegt die Nacht!

Wohl blickt erleuchtend noch ein Schimmer
Des Lichtes durch die Dunkelheit,
Die gute Neigung lockt noch immer
Zurück zur ersten Herrlichkeit.

Doch hält die Lust den Will'n in Banden,
Bis Glaub' und Geist ihn frei gemacht;
Dann ist der neue Mensch erstanden
Und dann beherrscht der Tag die Nacht.


Rosen in Weinlaub.

In des Weinstocks frischen Neben
Seh' ich sanften Purpur glühn,
Zarte Rosendüfte schweben,
Wo der Traube Knospen blühn.

In der Blätter grünem Dunkeln,
Morgenrother Liebesgruß,
Feuchte Perlen seh' ich funkeln –
Ist das nicht des Himmels Kuß?

Schmücke mir mit Frucht, und Blüten
Meines Herzens stille Au',
Engel laß den Garten hüten,
Tranke ihn mit Himmelsthau.

Der Schmelzer.
(Prophet Malachi 3, 3.)


Der Schmelzer schmilzt mit Treue
Den schweren, harten Stein,
Daß ihn das Gold erfreue,
Krystallhell, fest und rein!

Thu' nur mit meinem Herzen,
Mein Schmelzer, wie du willst!
Ob du durch tausend Schmerzen
Auch deinen Rath erfüllst.

Und werd' es niemals müde,
Daß du's so mühsam hast;
Einst lohnt mein ew'ger Friede
Dir alle Arbeitslast!


Durch!
(für A. St.)

Immer weiter, immer weiter
Muthig durch in frischem Lauf!
Gotteskinder, Gottesstreiter
Halt Vergangnes nicht mehr auf.

Deine Schuld ist abgetragen,
Längst bist du ein Kind des Lichts;
Und dein Herz darf schmerzlich zagen,
Blickt zurück ins eigne Nichts?

Wer zurückblickt, muß verweilen;
Vorwärts, vorwärts deinen Sinn!
Zu dem Ziele laß uns eilen,
Seelenauge, schaue hin!

Laß dein eignes Wesen liegen,
Eingesenkt ins Gnadenmeer,
Ohne Sondern, ohne Wiegen,
Ob es leicht sei oder schwer.

An des Himmels lichtem Throne
Winkt ein ew'ges Siegesglück;
Strahle nur, du schöne Krone,
Halte, halte unsern Blick!

In Armuth.
Wenn aber der Bräutigam von ihnen genommen
wird, dann werden die Hochzeitleute fasten.
Mark. 2, 20.

Meine Flügel sind gebunden,
Wie gehalten ist mein Blick;
Freud' und Jauchzen ist verschwunden,
Fragend sieht mein Herz zurück.

Arm und still zu deinen Füßen
Seh' ich mich und harre dein;
Ach, du wirst's schon selber wissen,
Wie mir's ohne dich kann sein.

Kniet der Bettler ohne Worte
Ruhig wartend an der Thür,
Oeffnet sich wol bald die Pforte
Und der Hausherr tritt herfür

Und versteht das stumme Sehnen,
Die verborgne Seelennoth,
Heilt den Schmerz und stillt die Thränen ,
Bricht dem Hungrigen sein Brod!


Mißverstand.

Ach, gib mir wieder Trost und Friede
In mein verschmachtendes Gemüth!
Mein Herz ist wie zum Sterben müde,
Weil's weder Rath noch Hülfe sieht.

Die äußre Plage kann verschwinden,
Man kann sie tragen frisch und leicht,
Kann unverhofft den Ausgang finden,
An dem der Sorge Schatten weicht.

Doch wenn das Innre sich verwirret,
Wenn sich das Licht der Seele trübt,
Wenn auch die Liebe schwankt und irret
Und nicht mehr tief und innig liebt –

Dann möcht' ich fort von dieser Erde,
Aus diesem fremden, wüsten Land;
Dann möcht' ich heim zu deiner Heerde,
Die schon den sel'gen Ausgang fand!


Das kranke Kind.
(für Antonie St. R.)

1.

An Gott will ich es schenken
Zum Leben oder Tod,
Er wird an mich gedenken
In dieser heißen Noch!

Was sind doch das für Wege,
Es schwindelt mir mein Sinn!
Zu deinen Füßen lege
Mein blutend Herz ich hin.

Die süßen Augen brechen,
Wie heiß der Athem glüht –
Mein Gott, ich kann nicht sprechen –
Daß nur dein Will' geschieht!


2.

Nun hat der Herr gesprochen,
Ich halt' ihm willig still;
Das Herz ist mir gebrochen,
Doch Alles, wie er will!

Er hat die Qual gesehen,
Er hat das Flehn gehört;
Sein Wille ist geschehen
Und hat mein Kind verklärt.

Auf goldnen Flügeln tragen
Die Engel es hinauf –
Und ich will ohne Zagen
Vollenden meinen Lauf!


Welle und Licht.

Höre das sehnsüchtig lockende Rauschen,
Lausche der suchenden, schwellenden Flut!
Will mit dem Licht sich die Welle vertauschen?
Ach, in der Höhe da weilet das Licht,
– Wallendes Meer, du ersehnest es nicht!

Sieh', da umkränzt sich mit goldenen Strahlen
Lächelnd und liebend der glänzende Mond;
Still in der Tiefe sein Bildniß zu malen,
Küssen sie spielend die selige Braut,
Haben das Licht mit der Welle vertraut.

Ist nicht der Liebe die Sehnsucht gegeben?
Sie ist der Strahl aus dem himmlischen Stern;
Doch nur die Treue verleiht ihr das Leben,
Die das Entfernte verlangend begrüßt,
Auch das verlorne Geliebte umschließt.


In Anfechtung.
(2. Mos, 17, 11.)

Rüste mich, mein Gott, mit deinen Waffen,
Gehe mit, wenn's in die Tiefe geht!
Deine Stärke wird Erlösung schaffen
Meinem Geist, der kämpfend zu dir fleht.

Finster aus der Finsterniß geboren
Steigt der Geist des Abgrunds zu mir auf,
Lockt mich täuschend aus des Tempels Thoren,
Hemmt des Kampfes und des Sieges Lauf.

Doch dein König steht an deiner Seite,
Meine Seele, werde nimmer weich;
Halte deine Hände hoch im Streite,
Sein ist Herrlichkeit und Kraft und Reich!

Jeder Widerstand ist überwunden
Und der Feind liegt unter meinem Fuß;
Denn der Stärkere hat ihn gebunden,
Dem der Starke selbst erliegen muß.

In den Fluten soll ich nicht versinken,
In den Flammen deckt mich seine Hand;
Ueber Fluten, über Flammen winken
Siegeskronen aus dem Heimatland.
Eh' ich sollt' im Kampfe unterliegen,
Muß der Laus der Sonne stille stehn;
Heute noch muß deine Rechte siegen,
Herr, ich fühle deines Geistes Wehn!

König, führ' mich an der Erden Ende
Oder fahr' auf Flügeln mit mir auf:
Stille leg' ich mich in deine Hände,
Du bist's gar – vollführe meinen Lauf!


Frage in dunkler Zeit.

Bin ich auch noch deine,
Bist du mir noch nah'?
Ist mein Haus noch reine
Und sein Hüter da?

Hab' ich auch noch Stärke,
Ernst und guten Much?
Thu' ich noch die Werke,
Die die Liebe thut?

Ist mein Blick nicht träge,
Stets nach dir zu sehn,
Und mein Ohr noch rege,
Leise zu verstehn?

Strecken meine Hände
Sich auch für und für
Zum Beginn und Ende
Bittend aus nach dir?

Leicht an hellen Tagen
Wird der Weg bewacht;
Doppelt muß man fragen,
Wachen in der Nacht.

Dann zum Pfand verleihe,
Daß ich noch dein Kind,
Doppelt zarte Treue,
Die auf dich nur sinnt!


Blick ins Herz.
(Abends.)

Ich will die Tiefe meiner Sünde kennen,
Ich blicke fragend in mein Herz;
Wer kann, was ich da sehe, nennen?
Das Wort verstummt – und wird zu Schmerz!

Wie kann ich je den Abgrund messen,
Der tiefer wird mit jedem Blick?
O, dürft' ich, was ich sah, vergessen!
Ich darf es nicht – wo bleibt nun Fried' und Glück?


Blick auf Christum.
(Morgens.)

Zwischen mir und meinen Sünden
Seh' ich Gott, den Mittler, stehn
Und mein Blick kann Ruhe finden,
Darf statt Nacht den Morgen sehn!

Wie der Abend von dem Morgen,
Ist die Sünde fern von mir;
Jesus Christ hat sie verborgen,
Stehet zwischen mir und ihr!

Höre meine frühe Bitte:
Neige dich von deiner Höh',
Tritt auch heute in die Mitte,
Thut der Blick auf mich mir weh!


Ohne Sorgen.

Um mich hab' ich mich ausbekümmert
Und alle Sorg' auf Ihn gelegt!
Würd' Erd' und Himmel auch zertrümmert,
So weiß ich doch, daß Er mich trägt.


Wenn man große Lust hat und nichts daraus wird.


Wie du es schickst, mein guter Hirte,
So nehm' ich's jede Stunde hin;
Und wenn sich ja ein Wunsch verirrte
Und diente noch dem eignen Sinn,
So laß es ja, ach, ja mislingen
Und gib mir das, was ich nicht will.
In großen und in kleinen Dingen
Brich meinen Will'n – ich halte still!


Wanderlied.

Du mußt die Sünder leiten,
Die Kinder führst du gut,
Willst auch das Herz bereiten,
Verleihst ihm Kraft und Muth.

Ich fasse deine Hände,
Thu' meine Augen zu;
Wie sich der Weg auch wende,
Es geht zur ew'gen Ruh'.

Und werd' ich bang und müde,
So lehn' ich mich an dich;
Dann sprichst du: Friede! Friede!
Und heilst und tröstest mich.

O nur gering und stille
Halt meinen Erdenlauf,
Dann schließ die ew'ge Fülle,
Dein süßes Lichtreich auf.

Laß uns nur fröhlich ziehen,
Nur treu und kindlich sein;
Die Morgensterne glühen –
Bald bricht der Tag herein.

Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir
seien, die du mir gegeben hast. Joh. 17, 24.

Wenn ich soll nach Hause kommen
Zu den Heil'gen, zu den Frommen,
Die des Himmels Bürger sind;
Ach, ich armes sünd'ges Kind –
Schick' dann keinen Engel mir,
Stehe selber an der Thür!
Nimmer trau' ich mich hinein,
Führst du mich nicht selber ein!


Für zwei Künstler, B. und K., auf die Reise.

Geleite du der lieben Pilger Pfade,
Beschirme sie nach deiner treuen Gnade,
Deck' über sie die starke Liebeshand!
O, überströme sie mit mildem Segen,
Begegne ihnen freundlich allerwegen,
In weiter Fremde und im Vaterland!

In trüber Nacht laß deine Sterne funkeln,
Du selber sei ihr helles Licht im Dunkeln,
Zu ihrer Wanderschaft ihr fester Stab!
Geh' ihnen liebend nach, du guter Hirte,
Und suche sie, wo sich ihr Fuß verirrte,
Und trag' sie wieder heim und laß nicht ab!

Noch zieht die muth'ge Jugend frisch von hinnen,
Wähnt jedes Ziel noch kämpfend zu gewinnen
Und träumt sich noch auf lauter Siegeshöh'n;
O, tröste sie, wenn sie das Weh' der Erden,
Erquicke sie wenn, sie das Müdewerden
Der Jünglingskraft einst fühlen und verstehn!

Noch lockt die Welt mit tausend süßen Tönen,
Noch lockt die Sünde im Gewand des Schönen
Der jungen Herzen leicht getäuschten Blick.
Du hast für sie den letzten Tropfen Leben
Aus heißer Liebe in den Tod gegeben,
O, gib der Welt dein Kleinod nicht zurück!

Du kannst es nicht, doch laß mich immer bitten!
Die Liebe baute gerne an den Hütten
Der Theuern mit, wenn auch mit Kindeshand.
Laß mein Gebet zum Friedensengel werden,
Der ungesehn mit ihnen zieht auf Erden
Und einst sie siegend grüßt im Heimatland.


Für ein noch irrendes Herz.

Ach, auf Händen möcht' ich tragen
Dies verirrte Herz zu dir,
Alles, Alles wollt' ich wagen,
Schenktest du dies Eine mir.

Schlage mich und thu' mir wehe,
Wo und wie dir's sonst gefällt,
Wenn ich dies Herz selig sehe
Und gerettet aus der Welt.

Doch, ich kann es nicht erreichen,
Meine Stimme hört es nicht!
Du allein kannst es erweichen,
Strömst in dunkle Augen Licht.

Wirf in Wasser und in Feuer
Mein gebrochnes, müdes Herz!
Immer fester, immer treuer
Wird die Liebe durch den Schmerz.

Ach, mir Thränen nur und Bitten
Ringen kann ich in dem Streit;
Aber Lieb' hat nie gestritten
Ohne Siegesherrlichkeit.

Laß, ach, laß dich überwinden
Von des Kindes heißem Flehn;
Wenn dich das nicht könnte finden,
Müßte Alles untergehn.

Lüge wären dann die Worte,
Die die Wahrheit selber spricht,
Und des Todes dunkle Pforte
Ueberwältigte das Licht.


In Krankheit.

Wenn ich auf meinem Lager liege,
Wie lieblich red' ich dann mit dir!
Wenn ich mich kindlich an dich schmiege,
Wie freundlich sprichst du dann mit mir!

Ich darf dir Alles, Alles sagen
An Freud' und Weh', was mich bewegt,
Dir jeden Schmerz der Sünde klagen,
Die sich im Seelengrunde regt.

Dann reden wir von unsern Lieben,
Fürbittend ich, verheißend du,
Und Niemand darf den Frieden trüben,
Das sanfte Glück, die süße Ruh'.

Kein Jauchzen ist's mit heller Stimme,
Kein Strahl von deinem Angesicht,
Kein sel'ges in Gefühlen Schwimmen,
Das Alles, Alles ist es nicht!

Es ist ein fester Gottesfriede,
Ein Liegen in der Mutter Schoos,
Da ruht das Kind, frisch oder müde,
Im Dunkeln auch, – das Glück ist groß!

Wahlverwandtschaft.
(an A.)


Nun hab' ich ihn verstanden,
Den wunderbaren Zug,
Der meine Seel' in Banden
Der Liebe zu dir trug!

. Die ew'ge Liebe legte
Ihn selber in mein Herz,
Als sich's so tief bewegte,
In unverstandnem Schmerz!

Ich soll dich betend hegen,
Du freundlich liebes Bild,
Daß dich mit Gottes Segen
Die stille Lieb' umhüllt.

Nun darf ich nicht mehr fragen,
Nun ist die Liebe frei,
Nun darf ich nicht mehr zagen,
Nun bleib' ich freudig treu!


Einst und Jetzt.

Einst wohnte süßer Friede
In meiner stillen Brust,
Jetzt bin ich wund und müde
Von Erdenschmerz und Lust!

Ich schau' aus dunkler Tiefe
Vertrauend zu dir auf;
Wenn alle Hülfe schliefe,
Hilfst du mir freundlich auf!


Wolken und Sterne.

Was glänzt ihr so süß und so milde, ihr Sterne?
Was lockt ihr das Aug' in die bläuliche Ferne?
Ihr Wolken, was zieht ihr so leise dahin,
Sprecht ahnende Worte zum lauschenden Sinn?

Wie Wolken und Stern' ist das irdische Leben,
Oft scheinen die Wolken so finster zu schweben,
Dann ziehn sie dahin wie ein flüchtiger Traum,
Dann glänzt es oft lichthell am silbernen Saum.

Was nichtig aus Nebel der Erde geboren,
Wie bald hat es Wesen und Dasein verloren!
Doch schimmern am dunkeln, zerrinnenden Bild
Oft Strahlen des Himmels verklärend und mild.

Und siehst du die glänzende, zahllose Heerde
Hoch über den flüchtigen Wolken der Erde?
Und weißt du, wie selige Worte es spricht,
Das wandellos strahlende fröhliche Licht?


Das Licht.

Verhüllende Nebel, zerrinnet, zerrinnet,
Es sieget doch ewig das selige Blau!
Wie oft ihr das täuschende Spiel auch beginnet,
Hoch über euch strahlet die himmlische Au'!

Das Licht ist der König, der niemals gebogen
Das ewig gekrönete, herrliche Haupt;
Das Licht hat noch niemals ein Feind überwogen,
Noch nie einen Stern aus dem Kranz ihm geraubt.

Es ist ja vom Herrscher zum Herrschen erkoren,
Drum steiget es nie von dem himmlischen Thron,
Und tief aus dem Herzen hat er es geboren,
Der ewige Vater; das Licht – ist der Sohn!


Freiheit.

O, hilf mir nun es auch erringen,
Das Kleinod, das mein Aug' erblickt!
O, mach' mich los von allen Dingen,
Zerreiß die Fessel, die mich drückt!

Es ist ein schmerzliches Befreien,
Oft kostet's warmes Herzensblut;
Es kann durch Sterben nur gedeihen,
Gold wird nur rein in Feuersglut.

Doch nimm mich hin, ich will es leiden,
Zerbrich das alte sünd'ge Herz;
Lehr' mich vom eignen Leben scheiden,
Dann heile mir des Sterbens Schmerz!

O, daß ich neu geboren werde,
Mach' mich wie Adler wieder jung!
Dann trägt mich heimwärts von der Erde
Der Flügel Kraft mit leichtem Schwung!


Was thun Sie, wenn Ihnen Zweifel kommen?
»Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde!«

Feste Herzen auf dem Pfade
Innrer Klarheit, äußrer Kraft
Sind ein köstlich Werk der Gnade,
Die allein Gewißheit schafft.

Sollte Gott nicht offenbaren
Seinen Weg und seinen Geist,
Wenn man kindlich will erfahren,
Was er Kindern mild verheißt?

Wenn mir Zweifel sind gekommen,
Hab' ich's meinem Herrn bekannt;
Und er hat mir abgenommen,
Was des Glaubens Schwingen band.

Meine Waffen waren Bitten,
Einfalt war mein Schild im Streit;
Wenn ich so mit Gott gestritten,
Krönte mich Barmherzigkeit!


Das beste Bild.

Wohne du in meinem Herzen,
Süßes, lichtes Friedensbild!
Andre Bilder bringen Schmerzen,
Die nur dieses eine stillt.

Nebel steigen aus der Erde
Und die Wolke birgt das Licht;
Weichet, daß es helle werde,
Trübt mir meinen Himmel nicht!

Aller Liebe ein'ge Quelle,
Aller Schönheit Morgenstern,
Halte, feßle meine Seele,
Laß sie keinem andern Herrn!


Ergebung.

Ich liege still zu deinen Füßen,
Ich kann nichts wollen und nichts thun
Als deine treuen Hände küssen,
Als loben, danken, warten, ruhn.
Ich will dir danken, willst du trösten,
Ich will dich loben, thust du's nicht;
Will loben, danken, wenn am weh'sten
Im Kampf das eigne Leben bricht;
Leg' mir das Kreuz auf, gib mir Flügel,
Führ' in die Hölle, trag hinaus,
Nur laß mir deiner Kindschaft Siegel
Und bring' mich heim ins Vaterhaus.



Erdenweh.

O, könnt' ich doch vor dir zerfließen,
O, könnt' ich doch zu deinen Füßen
Ein aufgelöster Tropfen sein!
Ich werde niemals satt auf Erden,
Der Durst wird immer heißer werden,
Hier komm' ich nicht zur Ruhe ein!

So seufzt dein Kind mit heißen Thränen
Und möchte oft vor Liebessehnen,
Vor Scham und Schmach und Weh vergehn
Oft ist des Herzens stille Klarheit
So tief getrübt, daß ich die Wahrheit
Des ew'gen Heils nicht kann ersehn.

Doch über allen Erdenträumen
Seh' ich in weiten Himmelsräumen
Den Palmenkranz des Sieges Wehn;
Dort ist der Schmerzenslaut verklungen
Und jeder Lieb' ist Fried' errungen,
O, dürft' ich ruhn auf jenen Höh'n!


Im Kampf.

Mir ist so weh und bange,
Mein Herz verschmachtet noch!
Mein Herr, ach! wie so lange, ,
Mich drückt ein schweres Joch.

Ich möchte, los von Sünden,
In deinem Frieden ruhn
Und kann die Kraft nicht finden
Zum Leiden und zum Thun.

Ich weiche ab und irre;
Ich will und kann doch nicht,
Und seh' in dem Gewirre
Oft kaum noch Weg und Licht.

Ich will in dir nur leben,
Von Erd' und Himmel frei; –
Und doch noch fremdes Streben
Und keine Herzenstreu'!

O, könnt' ich erst ins Freie,
O, ruht' ich erst in dir!
Mein Herr, ich ruf und schreie.
Antwort' und sprich mit mir!

»Ich will zu dir mich neigen,
»Du sturmbewegtes Meer,
»Und Well' und Sturm soll schweigen
»Und still wird's um dich her.«

»Was ist dir denn so bange?
»Was fürchtest du dich noch?
»Der Streit währt ja nicht lange,
»Vor Abend siegst du noch.«

»Und wenn dein Weg verirrte,
»Will ich dich suchen zehn;
»Ich bin dein treuer Hirte,
»Will ewig bei dir stehn.«

»Wärst du schon gern geborgen,
»Nie mehr von mir zu zehn;
»O, ko'nnt'st du erst das Sorgen
»In meinem Herzen sehn.«

»Trieb denn nicht dein Verderben
»In Todesleiden mich?
»Noch einmal wollt' ich sterben,
»Du armes Kind, für dich!«

»Weil ich nun auf dich sehe,
»So fürchte dich nicht mehr;
»Ich breite aus der Höhe
»Die Allmacht um dich her.«

»Die Allmacht meiner Liebe
»Trägt dich und schließt dich ein;
»Was wär's denn, was noch bliebe
»Zum Fürchten und zur Pein?«

»Mein Kind, drum laß dein Weinen
»Und ruh' im höchsten Gut;
»Mein Licht wird ewig scheinen,
»Drum fasse wieder Muth.«

»Mein Lebensquell soll fließen
»In Strömen über dich!
»Sei still zu meinen Füßen
»Und halte dich an mich.«


Wie du willst!

Droben auf den Freudenhöhen,
Unten tief im Thränenthal
Fühl' ich deiner Liebe Wehen,
Treuer Führer, überall!

Ziehe mich in deine Stille
Immer tiefer noch hinab,
Daß mein schwerer, eigner Wille
Mich nun ausbekümmert hab'!


Mein Trost.

Das ist mein Trost und meine Freude,
Daß er mich alle Stunden sieht,
Daß alle Sünde, dran ich leide,
Mich an sein Herz noch naher zieht!

Wenn ich auch noch so viel versehe,
Werd ich ihm drum nicht fern gerückt;
Er geht mir nach von seiner Höhe,
Bis ich mich wieder umgeblickt.

Dann fragt er: ob ich ihn noch liebe?
Und stehet mich wie Petrum an;
Sein milder Blick weckt Reuetriebe
Und haucht die Glut nur stärker an.

Dann weint das Herz zu seinen Füßen
Und weiß sich keinen liebern Ort,
Und mochte ganz in Dank zerfließen
Und nimmer wieder von ihm fort!


Abendschein im Wasser bei Bellevue.

Holdseliges Bild,
Du zeigst mir so mild
In klaren, spiegelnden Fluten
Des Himmels strahlende Gluten;
Gebrochnes Licht,
Du blendest mich nicht!

Es neigt sich vom Thron
Der ewige Sohn;
Ich schaue die göttliche Fülle
In milder menschlicher Hülle;
Du himmlisches Licht,
So blendest du nicht!


»Er ist unser Friede.« Ephes. 2, 14.

Stiller, sel'ger Glaubensfriede,
Was ist deinem Segen gleich!
Ist das Herz auch arm und müde,
Hat es dich, ist's frisch und reich.

Meine Seel' ist jetzt so trübe,
So gebunden, leer und matt;
Arm an Geist und arm an Liebe
Fühlt sie nicht Das, was sie hat.

Doch im tiefen Seelengrunde
Ruh' ich unbewegt und still
Auf dem ew'gen Friedensbunde,
In der ew'gen Gnadenfüll'.

Berge weichen, Hügel fallen,
Jesu Gnade weichet nicht;
Seinen Frieden läßt er Allen,
Wer nur glaubt und zweifelt nicht.

Bin ich selbst auch lauter Sünde,
Ja, fühl' ich mich also schwach,
Daß ich kaum die Lust empfinde,
Kaum die Hand ausstrecken mag

Nach dem theuern Gut der Gnaden,
Nach dem heil'gen Lösegeld –
Meinem Frieden kann's nicht schaden,
Wenn mein Glaube Probe hält.

Jesus ist für mich gestorben
Und vergoß für mich sein Blut,
Er hat mir mein Heil erworben:
Das erweckt mir Glaubensmuth.

Wenn ich freie Gnade suche,
Gnade im Versöhnungsblut,
Bin ich los vom Sündenfluche,
Fasse frei das höchste Gut.

Wollt'st du selber mich verdammen,
Jesus meine Zuversicht,
Nenn' ich deinen Gnadennamen,
Herr, mein Gott, so kannst du's nicht.

Jenes Weib aus Heidenstamme
Hört's aus deinem eignen Mund:
»Dich erlöset nicht mein Name,
»Dich umschließet nicht mein Bund!«

Doch ihr Glaub' steht ohne Wanken
In sehr großer Siegesmacht,
Bricht gewaltig durch die Schranken,
Durch des harten Wortes Nacht.

»Ja, ich bin der schlimmste Sünder
»Ohne Kindesrecht und Werth;
»Doch die Hündlein, wie die Kinder,
»Deine Gnade täglich nährt!«

Gott der Herr ist überwunden
Von dem armen Heidenweib.
Und das Heil hat sie gefunden
Für die Seele, für den Leib.

Also halt' ich mich im Glauben
An dem starken Anker fest,
Den mir keine Macht kann rauben,
Wenn mein Glaube ihn nicht läßt.

Wenn ich so mich dir ergebe,
Kannst du es, so wirf mich weg!
Ob ich sterbe, ob Ich lebe,
Geh' ich keinen andern Weg!


Herbstlied.

Wie du eilest, fließest,
Flü'cht'ge Erdenzeit,
Strömend dich ergießest
In die Ewigkeit!

Leichte Wolken fliehen
Durch den weiten Raum,
Ew'ge Sterne glühen
Ueberm Erdentraum.

Weile doch und stehe,
Armes Menschenherz!
Schaue auf und flehe,
Schaue himmelwärts!

Deine Stunde Leben
Strömet mit hinab,
All' dein eitles Streben
Sinkt ins frühe Grab.

In der Höhe droben
Strahlt ein Morgenstern,
Den die Engel loben
Als den ew'gen Herrn.

Da ist Licht und Leben,
Da ist Ewigkeit;
Laß dein eitles Streben,
Laß die Stunde Zeit!

Laß das Flücht'ge fliehen,
Schau' zum Ew'gen aus!
Wenn die Wolken ziehen,
Gehn die Sterne auf.


Den Verzagten.

Schwaches Kind der starken Gnade,
Ueber deine Erdenpfade
Halt' ich meine gute Hand;
Will mit vielen Engelschaaren
Dich behüten und bewahren
In dem rauhen Pilgerland.

Der ich in der Höhe wohne,
Ueber Cherubinen throne,
Mit Verschonen führ' ich dich!
Deinen Trotz und dein Verzagen
Könnte keine Mutter tragen
Also sanft und mildiglich.

Sieh', mit Langmuth und Gedulden
Trag' ich deine vielen Schulden,
Alles, was du auf mich legst,
Wie mein Joch und meine Bürden; –
Wenn sie noch so leichte würden,
Du so willig nimmer trägst.

Niemals ward ich matt noch müde,
Hatte immer Trost und Friede,
Ruhe für dein krankes Herz;
Allzeit, wenn du gläubig kommen,
Hast du Gnad' um Gnad' genommen,
Lebenskraft in Freud' und Schmerz.

Deine Furcht und dein Verzagen
Ist die größte deiner Plagen,
Die dein Herz umfangen hält;
Jeden Abend, jeden Morgen
Hab' ich dich ja treu geborgen
In mein ewiges Gezelt.

Meine Liebe soll beschämen
Allezeit dein Graun und Grämen,
Sieh', ich gebe dir mein Wort!
Wo sich Kreuz und Trübsal finden,
Soll mein starkes Ueberwinden
Für dich siegen fort und fort.

Ist was Schweres wo zu wagen,
Will ich's selber thun und tragen,
Helfe dir durch meinen Geist;
Denn ich habe dir beschieden
Schon auf Erden lauter Frieden,
Wenn du's nur zu glauben weißt!

Heimweh.

Haltet meine Seele nicht,
Laßt mich weiter gehen!
Meine Sehnsucht sucht das Licht
Jener sel'gen Höhen.

Blüten sich entfalten,
Mancher Stern erglüht;
Irdische Gestalten,
Wie ihr welkt und flieht!

Meine Blumen blühen,
Wo der Ew'ge thront;
Meine Sterne glühen,
Wo das Leben wohnt.

Meine Lieb' ist droben,
Droben meine Lust;
Alles zieht nach oben
Aus der stillen Brust.

Haltet meine Seele nicht,
Laßt mich weiter gehen,
Bis ich Gottes Angesicht
Ewig werde sehen!

Beim Abschied.
(A. S.)

Kurzer Erdenschmerz,
Dunkle Well' im Meer,
Ach, beweg' mein Herz,
Drück' es nicht so sehr!
Flücht'ge Erdenstunden,
Alle euer Weh'
Hab' ich bald verwunden!

Süße Erdenblüte,
Welke immerhin,
Ewig im Gemüthe
Hegt dich treuer Sinn;
Blüh' auf Gottes Au',
Wo mit Himmelsthau
Dich des Gärtners Hand begießt
Und mit Frieden dich umschließt!


So sind wir nun gerecht allein durch den Glauben ohne des Gesetzes Werke. Rom, 3, 28.

Glauben, glauben ohne Sehen
Will das Herz so schwer verstehen;
Immer will es Werke schaun,
Will in sich noch Kräfte spüren,
Will den Herrn durch Andacht rühren,
Mag nicht ganz auf Gnade baun.

Fürchte stets die eignen Kräfte
In dem Heiligungsgeschäfte,
Willst du ganz in ihm beruhn.
Deine Sünde sollst du hassen
Und dich ganz auf ihn verlassen,
Er nur kann und will es thun.

Glaubend vor sein Antlitz treten,
Hoffen, warten, ernstlich beten –
Das alleine ist dein Theil!
Er muß es in dir vollbringen,
Bluteskraft muß dich durchdringen,
Sonst ist Heiligung kein Heil.

Fleisch ist, was vom Fleisch geboren,
Nimmer hat er auserkoren,
Was die Menschenkraft erbaut.
Nur was aus dem Geist geflossen,
Seinen Kräften ist entsprossen,
Hat er segnend angeschaut.

Sieh', vor seinen Flammenaugen
Kann nur Das als heilig taugen,
Was dein eigen Aug' nicht sieht;
Was du siehest, ist schon trübe,
Ist nicht reine Frucht der Liebe,
Die in Kindeseinfalt glüht.

Daß die ernste, zarte Treue
Auch den Staub der Sünde scheue,
Ist wol rechter Kindessinn;
Doch die Einfalt trägt in Eile
Ohne Zagen, ohne Weile
Jeden Fehl zum Kreuze hin.

Darum wandle in dem Frieden,
Den sein Wort dir hat beschieden,
Nimm' die frohe Botschaft an!
Laß dein Aug' auf ihn nur schauen,
Darfst ihm ohne Schaden trauen;
Ihm liegt mehr als dir daran:
Daß die Glieder heilig werden,
Die da zeugen soll'n auf Erden
Von des Hauptes Herrlichkeit.
Glaube ihm, er hat's verheißen,
Dich dem Feinde zu entreißen,
Er, er führet deinen Streit!


Vor der Bekanntschaft einer ausgezeichneten Frau.
(L. v. Sch.)

Laß, Herr, mich nur in Einfalt wallen,
Dir Ehre suchen und nicht mir.
Nicht Menschen will ich mehr gefallen,
Denn überall steh' ich vor dir;
Mit Liebesaugen sie betrachten,
Sich selbst als den Geringsten achten,
Sonst aber frei durch deinen Frieden
Als ein geborgen ruhig Kind,
Dem Straf' und Schuld vergeben sind
Und dem Maria's Glück beschieden: –
So ist der deinen lieblich Siegel,
So geht sich's unter deinem Flügel
Von deinem Geist behütet hin!


Stiller Muth.

Ich lieg' in deinen Friedenshänden,
Was zag' ich doch?
Was wahrhaft schlimm, das wirst du wenden,
Was frag' ich noch?

Ich lieg' in deinen Friedenshänden,
Da ruht sich's gut;
Die werden Alles selig enden,
Was wankt mein Muth?

Ich lieg' in deinen Friedenshänden,
Die führen's aus,
Und werden mir den Tröster senden
In Herz und Haus.

Einst tragen mich am seligen Ende
Gar hold und mild
Ins Heimatland die treuen Hände,
O süßes Bild!

So will ich mich denn stille fassen,
Ich bin ja dein!
Dich will ich ruhig walten lassen,
O bleib' nur mein!


Alles nichtig!

Ofte möcht' ich gar nichts hören,
Gar nichts wissen und nichts sehn,
Möchte Alles von mir wehren,
Keinen Schritt von bannen gehn!

Möchte ganz in dich verhüllet,
Aller Welt verborgen sein,
Weil doch nichts, ach, nichts mich stillet,
Als nur du, nur du allein!

Ach wie menschlich, ach wie nichtig
Ist doch Alles um mich her!
Auch das Gute scheint oft flüchtig,
Als ob's auch von Erde wär'!

Und ich selber, ach, wie irre,
Wie zerstreut und wandelbar,
Bin mir selbst im Weltgewirre
Noch die drohendste Gefahr.

Du allein stehst ohne Wanken,
Wechselloser, heller Stern!
Meine irdischen Gedanken
Fassen's ofte nur von fern:

Wie in alle dem Bewegen
Du dich nicht bewegen läßt,
Wie dein Lieben ohne Regen
Unbezwinglich stark und fest,

Wie die eine tiefe Fülle
Immer, immer offen steht,
Ob auch mein verirrter Wille
Oft noch abwärts von ihr geht.

Nun so will ich Dich umfangen,
Unzerbrechlich fester Stab!
Will an dir alleine hangen,
Bis ich ew'gen Frieden hab'.

Will mich gänzlich niederlegen
In die eine Seligkeit,
Die sich nimmer läßt bewegen
In dem Wechsel aller Zeit.


Liebesbitte.

Wo ich geh' und stehe,
Denk' ich doch an dich!
Still ich für dich flehe
Mehr noch als für mich.

Mitten in Geschäften
Meinen Blick auf ihn,
Für dich bittend, heften,
Ist mein steter Sinn.

Kaum ich's will und denke,
Sprech' ich leis ihm zu:
»Herr, auch jetzt ihn senke
»Ein in deine Ruh'!«

Liebe ohne Schranken
Bittet Nacht und Tag;
Schweigen die Gedanken,
Ist ihr Seufzen wach.

Ohne Wort und Werke
Hat die Liebe Kraft,
Hat verborgne Stärke,
Die das Leben schafft.

Vor dem Bilde eines schlafenden Kindes.

Wie ein Kindlein ohne Harm
An der süßen Mutter Brust,
Von der Mutterliebe warm
Schläft, sich selber unbewußt:

Also mö'cht' ich heimlich ruhn,
Seelenmutter, dir am Herzen,
Möchte Alles von mir thun,
Gerne dulden alle Schmerzen

Mit vergnügtem, stillem Muth,
Ferne von der Welt geschieden,
Los von allem andern Gut
Athmen deinen Liebesfrieden!



Ein Seegemälde.
(von A. v. B.)

In dem Spiegel der Flut hättest du lieber ein Bild?
Siehst den Himmel du nicht, wie er die Tiefe erfüllt?
O, war' ich doch ein weites Meer,
Von allen Erdenbildern leer,
Und nichts als Himmel um mich her,
Und füllte mich so ganz allein
Des Lichtes milder Widerschein!


Treue.

»Wenn Alle untreu werden,
Bleibst du mir dennoch treu,
Stund' mir auch sonst auf Erden
Kein Freund, kein Bruder bei!
Die Menschenkinder schwanken,
Ein wehend Rohr im Wind,
So flüchtig wie Gedanken
Oft ihre Herzen sind.

Du gehst nnt in die Wüste,
Bleibst bei mir für und für!
O, wenn ich das nicht wüßte,
Was würde dann aus mir?
Nun halt' ich deine Hände
In stiller Hoffnung fest.
Daß du auch bis ans Ende
Dein armes Kind nicht läßt.

O, laß dir, dir mich gleichen,
So wie der Schein dem Licht,
Auch nimmer, nimmer weichen,
Wenn mir auch Alles bricht.
Ob sie mich schwer betrüben,
Das prüft ja nur die Treu',
O, daß nur nie mein Lieben
So flücht'ger Lufthauch sei!

Mag auch der Reiche schelten,
Daß Armuth ihn nicht läßt,
Ich will's ihm süß vergelten,
Geduldig nur und fest!
Es kommen Kreuzesstunden,
Wo doch das Herz erweicht,
Durch Treue überwunden,
Sich freundlich zu ihr neigt.

Wenn das Herz sich nicht freuen kann.

O«, schreib' mir's in die Seele,
Daß ich nun fröhlich bin,
Einfältig, fest und helle,
Dich halt' in Herz und Sinn.

Vertreib' doch alles Sorgen,
Das aus mir selber steigt;
Bist du denn nicht der Morgen,
Dem alles Dunkel weicht?

Ach, strahle Gnadensonne
Mich warm und leuchtend an;
Die ew'ge Lieb' und Wonne
Ist mir ja aufgethan!

Ich bin ja neugeboren,
Ein freies Gotteskind,
Dem einst in Zions Thoren
Die Engel Brüder sind.


Dir!

Dich liebt mein Herz
Mit Freud' und Schmerz,
Es weint vor Liebe oft.
Es kennt nur diese eine Lust,
Es schmiegt sich sanft an deine Brust,
Wie Epheu fest
Den Stamm nicht läßt,
Zerrissen sie ihn auch.

Zerreiß' ihn nicht!
Das Leben bricht,
Neigst du dich weg von ihm.
So weit am Morgen Strahlen glühn,
So weit am Abend Sterne ziehn,
Ach, auch ins Grab
Mit dir hinab
Will meine Seele gehn!


Matth. 5, 3.

Selig sind die geistlich Armen,
Denn das Himmelreich ist ihr!
Die nur ruhen im Erbarmen,
Im Vergeben für und für!

Könnt' ich dieses Gut erlangen,
Gab' ich alle Gaben hin;
Ach, durch Gnade nur empfangen
Kann ich diesen Kindessinn!

Denn ich habe hohe Sinnen
Und ein stolzes, reiches Herz;
Du allein kannst mir gewinnen
Dieser Armuth sel'gen Schmerz!


In Gesellschaft.

Wie süß ist's, mit dem Herrn zu wandeln,
Durch Fried' und Freude geht's dahin!
Und was die Menschen treiben, handeln,
Das höret kaum der inn're Sinn.
Laß auch wol Tausend' um uns sein,
Ich bin ja doch mit ihm allein,
Und steht mir einer noch so nah',
Für ihn ist Raum noch näher da.

Seh' ich auf diesen Allernächsten,
So furcht' ich sonst auch nicht den Höchsten,
Schau' jedem froh ins Angesicht
Und weiß: Er ist mein Schild und Licht.
Will ich mit ihm was heimlich sprechen,
So darf uns Niemand unterbrechen,
Weil, ohne daß sie's selber wissen,
Sie überall ihm weichen müssen.
Will einer eine Rede sagen,
Die meiner Schwachheit nicht zu tragen,
So kehrt er ihren eignen Sinn
Ganz unvermerkt wo anders hin;
Er bindet ihnen Mund und Hände,
Daß sich's für mich zum Besten wende.

Himmelsblau.
(A–s Mutter.)

Ueber der Erde Gefilde
Klar und lieblich und milde
Breitet sich himmlische Bläue,
Das ist ewige Treue,
»Das ist lauter Vergebung!«


Wenn's früh dunkel wird.

Kehrst du immer wieder,
Trübe Erdennacht?
Senkst dich schon hernieder,
Da mein Blick noch wacht?

Hüllst die dunkle Binde
Um das heitre Licht,
Finster, wie die Sünde,
Ist dein Angesicht.

War's doch immer helle,
War' das Dunkel nicht!
Meine ganze Seele
Liebt das holde Licht.

Klare Sterne funkeln
Leuchtend durch die Nacht,
Auch allhier im Dunkeln
Gottes Auge wacht!


Wenn's spät helle wird.

Goldne Morgensonne
Jauchzt wie Himmelslust;
Ach, nach Morgenwonne
Dürstet meine Brust.

Durch die blauen Fluten
Steigt das Licht empor,
Strömet Lebensgluten
Aus dem Purpurthor.

Freudig wirst du siegen,
Königliche Macht!
Dir zu Füßen liegen
Wird die dunkle Nacht.

Schwinge deine Flügel,
Geist aus Gottes Geist!
Weil dein ewig Siegel
Licht und Leben heißt.


Frühlingslust – am Morgen.

Frühling, Odem der Liebe,
Wehest selig mich an!
Ueberströme mich,
Frühlingsduft!
Trinken möcht' ich dich,
Süße Luft!
Wie es wehet und waltet,
Wie sich's regt und entfaltet!
Wie die Schwingen sich heben
In dem blühenden Leben!

Wie aus der Morgenröthe der Thau
Perlend hernieder sich senkt,
Freundlich auf frischer, duftender Au'
Halmen und Blüten tränkt;
Schwebst du aus ew'gem Gefild,
Frühling, lieblich hernieder,
Zeigst uns himmlische Brüder
Lächelnd im irdischen Bild.


Frühlingsabend.

Frühlingsschmuck umfängt die Erde,
Blütenhauch durchweht die Luft,
Heimwärts zieht die müde Heerde,
Um des Tages reiche Fülle
Hüllt sich leise Abendduft.
Wie der Himmel dich umfangen,
Eingeschlafne, stille Welt,
Dich mit sehnendem Verlangen
Wie in Liebesarmen hält!
Und des Tages heiße Strahlen
Taucht er in die kühle Nacht.

Droben in den Friedensauen
Schwebt des Mondes Angesicht,
Und die goldnen Augen schauen
Wie mit stillen Engelsblicken
, Durch die Nacht so lieb und licht.
Wie das vielbewegte Leben
Endlich stille wird und schweigt,
Endlich ohne Widerstreben
Sich zur Himmelsliebe neigt!
Von der Liebe überwunden,
Ruht es aus in ihrem Schoos!


Abendblick vom Ilsenstein.

Ich grüße dich, freundliche Au',
Ich grüße dich, weites Gefild,
Duftig im schwebenden Thau,
Ernstes, liebliches Bild!
Mächtig und groß,
Tief aus verborgenem Schoos,
Dunkele, ruhige Schatten
Steigen die Berge empor,
Oeffnen den blühenden Matten
Weithin ihr heiliges Thor.
Und siehe, von liebender Hand
Gegründet im heimischen Land,
Das Haupt in den Himmel getaucht,
Vom ewigen Lichte umhaucht,
Ist droben auf felsigen Höhen
Das Kreuz der Versöhnung zu sehen!


1. Abfall.

Farbenlose, öde Heide
Liegt das Leben vor mir da;
Hinter mir die frische Weide,
Wo ich Frühlingsblumen sah!
Heiße Thränentropfen quellen
Für den goldnen Morgenthau,
Statt der kühlen Aetherwellen
Liegt der Wolken dunkler Flügel
Still und schwül auf Grabeshügel.

Muthig in die Dornen schreiten
Soll der wunde, müde Fuß;
Keine Hand wird mich geleiten,
Keines Freundes treuer Gruß
Wird das matte Herz erquicken,
Das nichts fürchtet und nichts' hofft,
Und mit ausgelöschten Blicken
Wird mein Auge rückwärts schauen
In die sel'gen Jugendauen.

Schweigen muß das treue Sehnen,
Das nur fragt nach einem Gut;
Sterben soll in meinen Thränen
Meines Herzens heiße Glut.
Durch zerrißne Wolken funkeln
Seh' ich nur noch einen Stern,
Der mich freundlich lockt im Dunkeln
Todesengel brachte Frieden
Mitleidsvoll schon manchem Müden.


2. Wiederkehr.

Einen scharfen Dorn im Herzen
Schlaf ich Abends stille ein,
Mit den alten stillen Schmerzen
Muß ich Morgens munter sein.

Stille greif ich zum Geschäfte,
Das mir eben vor der Hand,
Und es kommen mir die Kräfte
Mit der Arbeit, die sich fand.

In der Höhe, in der Ferne
Ruht mein sehnsuchtsvoller Blick,
Der Verheißung goldne Sterne
Blicken tröstend mir zurück.

So verfließen meine Tage
In des Friedens mildem Licht,
Ohne Zagen, ohne Klage,
Bis das Herz mir stille bricht!

Gedankengruß.

Liebende Gedanken schweben .
Stille Engel um dich her,
In der Lieb' ist alles Leben,
Alles Andre lebensleer,
Liebende Gedanken
Sind wie zarte Ranken,
Die am Mittag kühl und mild
Dich mit Schatten sanft umhüllt.

Liebende Gedanken wehen
Mich wie stille Grüße an,
Daß ich ferne Augen sehen,
Ferne Liebe fühlen kann.
Lieb' ist wie die Sonne
Warme Lebenswonne,
Lieb' ist wie das süße Licht,
Das durch alle Schranken bricht!


Waldesstimme.

Es zieht ein leises Rauschen
Daher im dunkeln Wald,
Die Stille scheint zu lauschen,
Wenn seufzend es verhallt.

Es wehet in den Zweigen
So flüsternd und geheim,
Ein wunderbares Neigen
Wie zarter Liebe Keim!

Sind das nicht tiefe Fragen
Der sehnenden Natur?
Fühlst du dich nicht getragen
Von heil'ger Ahnung Spur?

Hier suchen und nicht finden –
Das ist das Räthselwort;
Ein ewiges Verbinden
Die sel'ge Lösung dort!

Epheu.

Der Epheu schlingt die Ranken
In Demuth liebend fest.
Und mag der Bau auch wanken,
Auch Trümmer er nicht läßt!
Und ob man's kaum will leiden,
Zerrissen sie ihn auch –
Er stürbe dran mit Freuden,
Treu bis zum letzten Hauch!
Du schlechtes Kraut, umschlinge
Nur treu den harten Stein,
Sollst arm auch und geringe
Ein Bild der Liebe sein!


Wiegenlied.

Horch, wie saust der Wind!
Schlaf, mein süßes Kind!
Ist's am Himmel kalt und trübe,
Warm und heiter bleibt die Liebe,
Hüllt sich inniglich, traut und still um dich!

Horch, der Regen rauscht!
Sieh', das Vöglein lauscht
Sicher unterm grünen Zweiglein,
Schaut aus muntern schwarzen Aeuglein,
Ob's noch nicht vorbei mit dem Wetter sei?

Süßes Sonnenlicht
Durch die Wolken bricht,
Schimmert's nicht, wie kleine Sterne,
Aus den Tropfen nah' und ferne?
Thränen auch erfüllt oft der Sonne Bild!

Kind, der liebe Gott
Hat in Wetters Roth
Kinder, die zu ihm gekommen,
Freundlich in sein Zelt genommen,
Liebes, liebes Kind, dahin eil' geschwind!

Horch, noch saust der Wind!
Schlafe, schlafe, Kind!
Süße Liebe, deine Fülle
Wohnt nur in der zarten Stille;
Darum, Lieb' und Ruh', dann die Augen zu!


Irdische Gedanken.

Ach, wie ziehen sie ein und aus,
Verschiedene Gast' ins selbige Haus;
Ach, wie sie wogen und wechseln und treiben,
Sie klagen und jauchzen, doch keiner will bleiben!
Du blickest hinein mit ernstem Blick,
Du heiliger Hüter der irdischen Hütte;
O, weise du sie doch mächtig zurück.
Ich hasse sie selber – doch was kann das Haus?
Der Herr, der drin wohnet, der führet es aus.
O, laß mich doch in tiefster Stille
Ein zugeschloss'ner Tempel sein,
Den nur ein heilig Wort erfülle
Und einer Leuchte Heller Schein!


Sonnenblume.

An dem Bild der Blume lerne,
Wie die Liebe Treue zeigt,
Wenn ihr der Geliebte ferne,
Wenn ihr Tag zur Nacht sich neigt.

Ob die Sonne Strahlen sendet,
Ob sie birgt ihr süßes Licht;
Zu dem Himmel hingewendet
Bleibt das Blumenangesicht.

Zu der dunkeln Erde nieder
Senkt sie nimmer ihren Blick;
Denn von oben kehrt ihr wieder
Ihrer Liebe lichtes Glück.

Ist dein Seelenhimmel trübe,
Nimmer wende deinen Blick!
Auch den trüben Himmel liebe
Mehr, als alles Erdenglück.

Zu den Bergen Gottes wende
Still im Dunkeln auch dein Haupt!
Bis die Nacht im Morgen ende,
Treue harrt und Liebe glaubt.


Vor einer Gesellschaft.

Unter Andre soll ich gehen,
Bliebe gern mit dir allein!
Ach, es wird so leicht versehen,
Mischt sich leicht 'was Fremdes ein.

Doch du willst's, da will ich schweigen,
Aber bleibe mir auch nah'!
Jeden Schritt mußt du mir zeigen,
Wenn ich komme, sei schon da!

Pred'gen hören, reden, singen,
Lieblich ist's, doch du bist's nicht!
Ach, in allen, allen Dingen
Ist's doch nur ein Funke Licht!

Du wahrhaft'ge Seelensonne,
Strahle, glühe mich doch an;
Du nur bist die Liebeswonne,
Die mein Dursten stillen kann.


Unterwerfung.

Abgeschlossen mit dem Leben
Hab' ich meine Rechnung nun,
Alles Wünschen, alles Stuben
Wird nun schweigen, wird nun ruhn.

Sicher werd' ich einstens scheiden
Aus des Lebens bittrer Pein,
Und ich werde dann voll Freuden
Und voll ew'ger Ruhe sein.

Darum stille, meine Seele,
Was verzagst du so in mir?
Diese heiße Thränenquelle
Wird nicht fließen für und für.

Und die Wunde, die im Herzen
Unablässig klopft und brennt,
Wird gewißlich nicht mehr schmerzen,
Wenn sich Leib und Seele trennt!


Schwestergruß an A.

Fern, ach fern in der Weite
Grüßt dich mein sehnendes Herz,
Wandelt dir träumend zur Seite
Liebend in Freude und Schmerz;

Lieben darf ich und grüßen,
Wo ich dein Antlitz nicht seh';
Möchten dann Thranen auch fließen,
Wär's nur ein flüchtiges Weh.

Sehnsucht hat luftige Flügel
Für den innigen Sinn,
Ueber die bläulichen Hügel
Zieht meine Seele dahin.

Nimmer, ach nimmer geschieden
Reich' ich dir freudig die Hand,
Wandle in Hoffnung und Frieden
Mit dir ins heimische Land.

Ob die verschwisterte Seele,
Ob sie's wol ahnend versteht,
Wie sie in luftiger Welle
Grüßende Liebe umweht!

Abschied.

Wir reichen scheidend uns die Hände,
Und lassen niemals wieder los;
Wie sich der Erdenweg auch wende,
Wir ruhn in einem Mutterschoos.

Uns brachten wenig flücht'ge Stunden,
Was nicht entfliehet mit der Zeit;
Denn Gottes Lieb' hat uns verbunden
Für eine sel'ge Ewigkeit.

Die kann die Erde nicht mehr trennen.
Die durch den Himmel sind vereint;
Drum soll die Liebe freudig brennen,
Wenn auch das Herz beim Scheiden weint.

Ach ja, es weint im Pilgerlande,
Es weint und sucht – und findet ihn!
Er will mit jedem Liebesbande
An seine Brust uns näher ziehn.

Anlockend kommt er uns entgegen
In Liebesfreud' und Liebesschmerz,
Steht grüßend da auf allen Wegen
Und ruft die Herzen an sein Herz.

Geh' du denn auf, du Lebenssonne,
Aus jedem Schatten, jedem Licht!
Du bist die ew'ge Liebeswonne,
Von welcher Erd' und Himmel spricht.

»Sie Eins in mir und ich in ihnen,
Des Vaters Lieb' in uns vereint;«
So ist das Leben uns erschienen,
Das ist es, was die Liebe meint.

Drum laßt mit Lieben und mit Bitten
Des Andern Engel Jeden sein;
Wenn eins dort fehlt in unsrer Mitten,
Wer könnte selber selig sein?

So leg' ich euch denn ihm zu Füßen,
Da ist der Friede über euch,
Da wird euch seine Lieb' umschließen
Und trägt euch sanft ins Himmelreich.


Der sinkende Petrus.
(nach Cantini. Matth. 14, 28–30.)

Erkenne mich, mein Hirte,
Mein Hüter sieh' mich an;
Mit Stärke mich umgürte,
Daß ich dir folgen kann.

O lehr' mich auf den Wogen
Des Lebens sicher zehn;
Du selbst hast mich gezogen
In Kampf und Sturmeswehn!

Ich seh' den Freund von weiten,
Es rufet mir sein Mund;
Ich seh' den Meister schreiten
Daher auf Meeresgrund.

Da fühl' ich Muth erwachen,
Da lockt es meinen Sinn;
Es zieht mich aus dem Nachen
Unwiderstehlich hin!

Doch faßt mich dunkles Grauen,
Die Woge steigt herauf,
Des Meeres Tiefen schauen
So sinster zu mir auf.

Wenn du mich willst bewahren,
Du starker Herr der Flut,
Mag hin das Leben fahren,
Es gilt mein höchstes Gut.

Ich muß, ich muß es wagen,
Ins tiefe Meer hinein!
Die Liebe wird mich tragen,
Wird Kraft und Sieg mir sein.

Und dennoch konnte wanken
So kühner Heldenmuth?
Die matten Kniee sanken
Im Brausen wilder Flut!

Doch du kommst mir entgegen,
Mein Hüter und mein Hirt;
Da muß der Sturm sich legen,
Der mir den Sinn verwirrt.

Da reichst du mir die Hände,
Da richtest du mich auf,
Daß ich mit dir vollende
Den kühn gewagten Lauf.

Die Lieb' hat mich getragen,
Die Liebe hat's gethan;
Auf Liebe darf ich's wagen,
Ich schau' sie gläubig an!

Die Liebe, ach die meine,
Sie wanket und erliegt,
Doch Eine ist, die seine,
Die trägt mich durch und siegt!


Der Grunewalder See.

Ruhe auch in Freuden,
Leicht bewegtes Herz,
Unverrückt in Beiden,
So in Lust als Schmerz.
Wie des Seees tiefe Flut
Still in ihrem Bette ruht,
Wol den Himmel und die Erde
In sich trägt
Und bewegt,
Doch nicht steigt
Und nicht weicht
Aus der Ufer sichrer Feste;
So soll Gott allein
Deine Feste sein.


Deine Kinder werden dir geboren, wie der Thau
aus der Morgenröthe.
(Psalter.)

Auch ich, auch ich bin dir geboren,
Aus blut'gem Morgenroth ein Tropfen Thau!
Auch mich, auch mich hat deine Huld erkoren,
Zu blühen auf des Lebens goldner Au'.

Der Liebe Kraft hat überwunden,
In heißen Schmerzen mich ans Licht gebracht;
Stark, wie der Tod, hat sie den Weg gefunden
Durch Gottes Zorn und Fluch, durch Sündennacht.

Du Morgenroth des ew'gen Lichtes,
Du Friedensborn, geweihtes Opferblut,
Du bist die Hülfe meines Angesichtes,
Ich tauche mich in deine Purpurflut!

O laß mich ganz in dir zerfließen,
In dir mein sündig Leben untergehn;
Laß deine Wellen über mir sich schließen,
Kein Auge mehr in mir mich selber sehn.

So wie die Sonn' am frischen Morgen
Ihr lieblich Bild in jedem Tropfen malt,
Und blieb es auch dem Menschenblick verborgen,
Ihn doch verklärt und aus ihm widerstrahlt.
So laß zu deines Namens Ehre
Aus meiner Armuth leuchten deinen Schein,
Daß, wer mich sieht, zu dir sich sehnend kehre,
Auch arm in sich und reich in dir zu sein!


Auf daß die, so nicht glauben, durch der Weiber
Wandel ohne Wort gewonnen werden.
(1. Petr. 3, 1.)

Wie dank' ich dir's, daß du mich schweigend,
Sanftmüthig und mit stillem Geist
Den Weg des Lebens gehen heißt!
Daß, ohne Worte von dir zeugend,
Nur durch des Wandels reine Kraft
Sich auch ein Werk des Friedens schafft.

Wenn ich die Ohnmacht tief empfinde,
Das eitle Herz, des Feindes Macht,
Der zum Versuchen allzeit wacht;
Wie wohl ist dann dem schwachen Kinde,
Wenn im Verborgnen, unverrückt,
Die Seele schweigend zu dir blickt!

Mein Pred'gen sei des Friedens Wehen
Und deines Liebens Widerschein
Im Beten und im Stillesein;
Den Weg laß mich in Einfalt gehen,
Und gib, daß auch die kleine Kraft
Ein Werk des ew'gen Lebens schafft!


Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest.
(Psalm 8, 5.)

Gottes Fürsten stehn von ferne
Mit verhülltem Angesicht
Und die hehren Morgensterne
Nahen ihrem König nicht.
Nur ich armes Kind der Erden
Darf ihm innig nahe werden,
Darf die heil'gen Hände fassen
Und sie nimmer wieder lassen.


Vor einer großen Gesellschaft.

Möcht' ich doch in Heimatsstille
In der Fremde zehn und stehn,
Daß der Friede mich verhülle
Vor des fremden Geistes Wehn!

Gottes Spiegel, unbeflecket
Von dem eiteln Hauch der Welt,
Bleibe dem nur aufgedecket,
Der dich klar und rein erhält;

Daß sein Bildniß aus dir scheine
Wie der Himmel aus der Flut;
Meine Seele, du bist seine,
Bist getauft mit seinem Blut.


Wer Vater oder Mutter mehr liebt, denn mich,
der ist mein nicht werth.
(Matth. 10, 37.)

Dran gegeben
Sei mein Leben!
Alles, was ich hab' und bin,
Geb' ich frisch und freudig hin.

Oel der Freuden,
Ström' in Leiden
Mir durch meines Herzens Mark,
Mach' mich fröhlich, still und stark!

Deine Gaben,
Was wir haben,
Wird uns treulich aufgehoben,
Herr, an deinem Herzen droben.

Nur auf Erden
Muß es werden
Aufgeopfert und gelassen,
Ja, das Leben soll ich hassen.

Zeitlich geb' ich's,
Ewig nehm' ich's,
Alle Körnlein, die hier starben,
Weckst du dort zu Himmelsgarben.

Nur dein!


So wie ich gerade eben bin,
So nimm mich alle Stunden hin
Und laß mich deine sein!
Wenn ich mich freu' in Lobgesang
Und wenn ich traurig, schwach und krank,
Sei gleichermaßen mein!


Auf die Reise.
(für C. Gr. E.)

Seiner Allmacht Flügel
Schirme deinen Pfad,
Seiner Führung Zügel
Sei dein Will' und Rath!
Seiner Gnade Siegel
Hüte deinen Sinn,
Ueber Thal und Hügel
Zieh' in Frieden hin!


Sommerbild.

Es schimmern die Fluten so bläulich und helle,
Es wehen die Weiden und küssen die Welle,
Es spielen die Schatten
Auf blumigen Matten
Mit goldenem Licht.

Es ziehen die Lüftchen durch sonnige Muten
Und tauchen sich flüsternd in kühlende Fluten,
Es funkelt von ferne
Wie träufelnde Sterne
Am schwankenden Halm.

Es jubeln die Lerchen und steigen ins Blaue
Hoch über die heimische, grünende Aue
Und Berge und Hügel,
Und schlagen die Flügel
Vor jauchzender Lust.
Es hüllen in duftende Dämm'rung die Blüten
Den Müden, den Strahlen des Tages umglühten,
Ich schaue verborgen
Den glänzenden Morgen
Durchs säuselnde Grün.

Ich schaue der Liebe holdselige Spuren,
Doch wo ist sie heimisch auf irdischen Fluren?
Allein in der Stille,
In seliger Fülle
Der liebenden Brust!

Die Heimat der Liebe, die Heimat der Meinen,
Auch sie ist im Herzen, tief wohnt sie in deinem –
Willst mild du sie schirmen
In Nacht auch und Stürmen?
O, schirme sie treu!


Frühlingsgruß.

Frühling, du trauter, du wonniger Freund,
Kenn' ich dein Antlitz nicht mehr?
Hast ja dein freundliches Auge verweint,
Athmest ja seufzend und schwer.

»Arme, wie täuscht dich dein eignes Herz,
»Du hast dich trübe geweint;
»Darum erfüllt sich dein Auge mit Schmerz,
»Wo der Umstrahlte erscheint!«


Wenn Andere sich streiten.

O, daß ich doch niemals spräche,
Wo sein Blick zum Schweigen weist,
Und durch alle Schranken bräche,
Wo sein Mund mich reden heißt!


Liebe und Leid.

1. Frage.

Weißt du, wie Lieb' im Leiden,
Wie Leid in Liebe ist?
Wie kann die beiden scheiden,
Wer ihre Tiefen mißt?

Heiß brennt der Liebe Sehnen,
Thut tief im Herzen weh;
Noch heißer ihre Thronen,
Wo Sünd' in Lieb' ich seh'.

Ach Liebe, Lieb' und Friede
Wohnt nur in Himmelshöh';
Ich bin vor Heimweh müde
Nach Liebe ohne Weh'!


2. Antwort.

In Einem hat die Liebe Leid getragen.
Drum darf die Liebe nie vor Leiden zagen;
In Einem war das Leiden Lieb' erfüllt,
Drum sich nun stets das Leid in Liebe stillt.
Was man auf Erden liebt,
Das leidet noch auf Erden;
Drum wird die Liebe hier
Nie frei von Leiden werden.
Der bittre Sündenstreit
Trübt nur, die himmlisch lieben;
Soll nun die Sünde nicht
Durch Liebe doppelt trüben?
Doch selig sind die Schmerzen und die Reue,
Die nie gereu'n, und selig ist die Treue,
Die leidend liebt und liebend willig leidet –
Bis einst der Herr von Liebe Leiden scheidet!


Ich hörte deine Stimme und fürchtete darum versteckte ich mich.
(1. Mose 3, 10.)

Wie selig ist's, daß Er mich kennt
Und all' mein Denken hört,
Noch eh' mein Mund es nennt!
Sollt' ich ihm erst mein Elend sagen,
Ich sprach' es wol vor Scham nicht aus!
Ich würd' es oft vor Furcht nicht wagen
Und meinte wol: Er hielt's nicht aus!


Strom und Blüte.

Was das Herrlichste sei,
Blüten im duftigen Mai
Oder der bläuliche Strom?
Schöner, ach, schöner die Flut;
Denn mit mahnendem Blick
Strahlt sie den Himmel zurück!


Die reifende Aehre.

Es neigt die königliche Aehre
Ihr goldnes Haupt, das segensschwere,
Das Gottes Gnade hat geschmückt;
Je mehr die Blüten sich entfalten,
Zu Früchten reifend sich gestalten,
Je mehr der stolze Wuchs
Gebeugt zur Erde blickt!

Schmückt dich auf deinem Pilgerpfade
Das schöne Licht der ew'gen Gnade,
So beuge dich vor deinem Glück!
Je reichre Frucht sie dir gewähret,
Je heller sie dein Haupt verkläret,
Je tiefer senke du
Ins eigne Nichts den Blick!


Kreuzlied.

Das Kreuz ist gut,
Es stärkt den schwachen Much,
Es reißt die trägen Sinne von der Erden,
Daß sie fürs Himmelreich gereinigt werden;
Es bricht mit Macht das fremde Joch entzwei,
Da jauchzt der neue Mensch und athmet frei!

Es kostet Blut,
Doch ist das Kreuz so gut!
Ich nehm' es an, ich will mich seiner freuen,
Mag die Natur des Sterbens Schmerzen scheuen;
Du Schwert des Herrn, dring' nur noch tiefer ein,
Daß du noch ganz des Todes Tod kannst sein.

Das Kreuz ist gut,
Stieg' auch die Trübsalsflut
Bis über's Haupt, ich werde mit ihr steigen;
Versteht das Herz sich unter's Kreuz zu beugen,
Beugt sich das Kreuz und trägt das Herz empor
Mit Flügelkraft bis an das Himmelsthor.

Du liebes Kreuz!
Welch' wunderbarer Reiz
Ist um dich her, welch' lautres Wehen
Der Lebenslust aus jenen sel'gen Höhen!
Man schmeckt die Kräfte der zukünft'gen Welt,
Man ruhet heimlich in des Herrn Gezelt.

Du Gotteslamm!
Das an dem Kreuzesstamm
Das Friedenswort: »Es ist vollbracht!« gesprochen.
Du Kreuzesträger hast die Bahn gebrochen,
Du hast gesiegt, die Thür ist aufgethan,
Nun geht der Kreuzesweg stets himmelan.

Gelobt seist du!
Nun ist mein Herz in Ruh'.
Mein Schmelzer, laß des Kreuzes Feuer brennen,
Mich kann kein Schwert von deiner Liebe trennen;
Nun, Leid und Tod, ist euer Stachel hin,
Das Kreuz ist gut und Sterben mein Gewinn.


Vor einer wichtigen Entscheidung.

Alles ist nur Gnade,
Was auf meinem Pfade
Deine Hand mir schickt;
Auch was spät und frühe
Mich von Sorg' und Mühe
Hie und da noch drückt.

Eh' ich noch kann sehen,
Was mir soll geschehen,
Dank' ich herzlich dir.
Was du magst beschließen,
Still zu deinen Füßen
Bleib' ich für und für!


Für Ph. v. R.
(3. Juli.)

Stille soll aus heil'gen Höhen
Mild erquickend zu dir wehen,
Segensquellen sollen fließen
Und es soll der Tag dich grüßen
Mit der Hoffnung lichtem Blick!

Tragen auch auf dunkelm Pfade
Wird dich treu die Hand der Gnade,
Die in Kämpfen und in Schmerzen
Nahen will dem wunden Herzen
Und ihm ew'gen Frieden reicht.


Durch Tod zum Leben.

Soll der Gnade Licht erscheinen
An den Deinen,
Geht's zuvor in tiefe Nacht,
Daß der Sonne helles Glänzen
Aus des Todes dunkeln Grenzen
Desto herrlicher erwacht!

Darum muthig, ohne Grauen
Sollst du schauen
In den Kelch der bittern Pein;
Wenn du still hast ausgelitten,
Wenn der gute Kampf gestritten,
Wird der Sieg auch selig sein.

Zuckt das arme Herz so bange,
Wenn so lange
Zn der Fremd' es wallen muß?
Wachsend steige das Verlangen,
Desto süßer dich empfangen
Wird der Heimat Friedensgruß!

In der tiefsten Liebe Sehnen
Mit den Tönen
Leiser Ahnung tröstet Gott:
»Was du liebst, das wirst du finden,
Wenn du treu wirst überwinden,
Voll Genüge bringt der Tod!«


Was gewiß ist.

Erbarmen ist doch Alles, was er thut!
Er eilt zur Hülfe oder ruht,
Schweigt oder spricht,
Nimmt oder gibt:
Eins wissen wir – er liebt!


Die Röder.

Vor alter Zeit in Deutschlands Gauen,
Wo wild der Waldbach schäumend braust,
Des Spähers Blick kaum zu erschauen,
Wo Adlersbrut und Geier haust,
Des Feindes Zorn zu Trotz und Hohn
Hoch an des Berges zack'ger Kron'
Von übermüth'ger Faust gegründet,
Von Thurm und Thor und Riegel fest,
Hing kühn ein graues Felsennest.

Feindsel'ge Stärke herrschte drinnen,
Die jedem Angriff Rache droht;
Das deutet auf den blanken Zinnen
Ein wehend Fähnlein, blutigroth:
Denn Hugo übt dort Herrngewalt,
Ein Jüngling, mächtig von Gestalt,
Von breiter Schulter, hoher Stirne,
Umwallt von lockig blondem Haar,
Das Auge dunkelblau und klar.

Doch schaut ein zorniges Gemüthe
Aus dieses Spiegels schönem Grund,
Weil mit der Stärke nicht die Güte
Geschlossen hat den heil'gen Bund,
Mit Schwertes Schärfe schlägt er drein
Für kleiner Unbill fernen Schein,
Und erst des Gegners letzter Odem
Verkühlt der Rache wilde Glut
Und dämpft des Grimmes trotz'gen Muth.

Und wenn er zürnte, brannte röther
Der reichen Locken goldner Schein,
Drum heißt man ihn den »rothen Tödter«
Vom wilden Bergland bis zum Rhein.
Der Friede war ihm träges Leid,
Und weiß er keinen bessern Streit,
Der seiner Mordlust kann genügen,
Verfolgt er keck des Wildes Spur
Bis weit hinab zur ebnen Flur.

Einst als sein Jagdhorn lauten Rufes
Mit Silberklang das Echo fragt,
Sein braunes Streitroß leichten Hufes
Die erste Frühsaat spielend schlägt:
Da schaut er alten Klosterbau,
Noch halb verhüllt vom Morgenthau,
Halb schon umglänzt von rothen Strahlen;
Und seinen Blick fühlt er gebannt,
Als hätt' er nimmer ihn gekannt.

Denn droben, seliglich zu schauen,
Erscheinet ihm ein zartes Bild,
In aller Herrlichkeit der Frauen,
In holder Blüte hoch und mild.
Als sich die Jungfrau hat verneigt,
Da schreitet schwebend sie und leicht
Zurück in ihres Klosters Räume;
Der kühne Jäger athmet kaum.
Ihn dünkt's ein wundersamer Traum.

Doch als dem Auge sie entschwunden
Und er sich staunend drauf besinnt,
Daß er noch nimmer Streit gefunden,
Wo solch ein Kleinod sich gewinnt:
Da trabt, des mächt'gen Bänd'gers los,
Das Thal hinab sein treues Roß,
Daß aus dem Felsgrund Funken sprühen;
Der Jäger folgt dem edlen Wild,
Das Waldesdunkel ihm verhüllt.

Und an des Klosters Pforte droben
Hat man des Heilands Gnadenbild
Zu frommer Pilger Trost erhoben,
Das mancher Thräne Flehn erfüllt –
Da, wie versenkt in stilles Leid,
Verweilet noch die edle Maid;
Am Stamm des Kreuzes kniet sie betend,
Vom schimmernden Gewand umwallt,
Die anmuthstrahlende Gestalt.

Und er, von sünd'ger Lieb' entbrennend,
Die auch des Heil'gen Schutz verhöhnt,
Nur das Gesetz der Stärke kennend,
Zu keckem Angriff stets gewohnt:
Ob sie in Angst um Hülfe schreit,
Hat er zur Wehr sein Schwert bereit;
So will er raubend sie umschlingen,
Und halb mit Flehen, halb mit Droh'n
Berührt sein rascher Arm sie schon.

Doch unter ihres Königs Throne
Wie mag ihr da vor Menschen graun?
Wie von des ew'gen Friedens Krone
Umglänzt, ist herrlich sie zu schaun.
Der Taubenaugen frommer Blick
Weist ernst und milde ihn zurück;
In Kindeseinfalt spricht sie warnend:
»Wähnt nicht mit eurer sünd'gen Kraft
Zu rauben mich aus Gottes Haft!«

»Doch wenn durch seine Wunderwege
Mir eure Huld ist zugewandt,
Vergönnt, daß ich ans Herz euch lege,
Was jetzt ich tiefbewegt empfand.
In Zorn und Sünde nur erglühn
Die Kräfte, die euch Gott verliehn;
Er hat so herrlich euch gerüstet
Zum starken Schwert in seinem Reich,
Doch – Landesgeißel nennt man euch!«

Da schaut er nach dem Gnadenbilde
Und weicht in Ehrfurcht scheu zurück;
Er fühlt der Züge Schmerz und Milde,
Den Löwen rührt des Lammes Blick.
Und sieh', ein neuer, heil'ger Muth
Löscht aus der Sünde wüste Glut:
»O Diesem, ruft er, möcht' ich dienen,
Und bist du ihm noch nicht vertraut,
Bitt' ich für mich von ihm die Braut.

Du hast die Seele mir gerettet,
O, neige nun dich hold zu mir!
An Gott bin ich durch dich gekettet,
Sein Engel bleib' mir für und für!«
Und wie der Morgenstern erglüht,
Wenn Sonnenroth ins Aug' ihm sieht,
So färben sich des Mägdleins Wangen;
Zum Gnadenbilde schaut sie auf,
Doch, halb noch zögernd, spricht sie drauf:

»Ich bin aus edlem Stamm geboren,
Vertraut des Klosters frommer Hut,
Die meines Waters Lieb' erkoren,
Zu schirmen mir der Tugend Gut.«
Beim Scheiden sprach er: »Deine Hand
Bewahre, bis aus fernem Land
Ich heimgekehrt, dann magst du wählen!«
Doch noch zuletzt er warnend spricht:
»Nur EinenEinen wähle nicht!«

»Den rothen Tödter wollt' ihr nennen,«
Fällt jener schmerzlich ihr ins Wort.
»Ach, ewig wird die Schmach mich trennen
Von meines Heiles süßem Hort!«
Da spricht sie leise: »Müß'ge Qual
Darf nimmer sein des Starken Wahl;
Um bessern Namen mußt du werben,
Dann wird dir Gottes Huld verzeihn,
Vielleicht auch Vaters Gunst verleihn!«

»Kannst du mir, Holde, nur vergeben,
So flammt die Hoffnung freudig auf;
Sie gibt der Reue Much und Leben –
Schick' dein Gebet zu Gott hinauf!«
Das war der kurze Abschiedsgruß;
Und unten an des Berges Fuß,
Da ruft das Jagdhorn den Gefährten
Und munter wiehernd trägt das Roß
Den Jäger heim zum Felsenschloß.

Als wieder Morgenlichter grauen
Fern an des Ostens goldner Thür,
Ist königlich der Held zu schauen
In feiner ritterlicher Zier.
Des Eichenlaubes frischen Kranz
Durchschimmert blau des Stahles Glanz;
Zu deuten, daß die Fahrt zum Ziele
Ein Kleinod hat, ist auf dem Schild
Im goldnen Ring ein Adlersbild.

Gar friedlich schmückt des Kreuzes Zeichen
Die breite, erzbedeckte Brust,
Und wo ihm scheu das Volk will weichen,
Da schaut es mit erstaunter Lust
Das Wunder, das der Herr gethan,
Und schlägt das Kreuz und betet an.
So zieht der Ritter freudig weiter
Gen Augsburg, so es Gott gefällt,
Wo Kaiser Friedrich Heerschau hält.

Auch Hugo mit des Kreuzzugs Scharen,
Die frommer Eifer neu beseelt,
Das heil'ge Grab sich zu bewahren,
Hat sich das Morgenland erwählt,
Sein Schwert zu ziehn in reinem Streit,
Den seiner Kirche Segen weiht;
Nur Christi Feinde soll es richten,
Nicht mehr entheiligt und befleckt
Von Rache, die Verbrechen weckt.

Bald dringt zu Kaiser Friedrich's Ohren
Der wundersamen Stärke Preis,
Die aus dem Glauben neu geboren,
Nun Maß und Ziel zu halten weiß,
.Die keinem Widerstande weicht,
Doch zum Besiegten mild sich neigt,
Für Unbewehrte selber streitet,
Auch in dem Heiligthum der Brust
Des Kreuzes pflegt mit frommer Lust.

Als viele Monden so verstrichen,
Vom Wechselspiel des Kriegs bewegt,
Als mancher Heldenglanz erblichen,
Vom bittern Tod ins Grab gelegt,
Da wehrt des Kaisers weiser Spruch
Des Waffenglückes raschem Bruch;
Zum Stillstand ladet er die Feinde,
Daß Ruhe dem erschöpften Heer
Zu neuen Kämpfen Kraft gewähr'.

Des Morgenlandes stolze Pforte,
Das schone Jaffa wählt er aus,
Und folgend seinem Herrscherworte
Versammelt sich zum Kaiserhaus
Dort der Genossen fremde Schar.
Und manche stolze Blume war
Zum Schmuck gepflanzt am heil'gen Throne
Am hellsten in bescheidnem Glanz
Strahlt Hugo's Ruhm im edlen Kranz.

Doch rastlos sucht das rege Leben
Der jungen Kräfte Raum und Ziel,
Und ringen muß das frische Streben
In blut'gem Ernst, in leichtem Spiel!
Pfeilschnell durchfliegt der Speer die Luft,
Des Schwertes blanke Klinge ruft
Aus starkem Schild die lust'gen Klänge,
Und oft bis in die dunkle Nacht
Braust wild dahin die kühne Jagd.

Einst hatte Hugo's Speer getroffen
Ein Pantherthier im raschen Lauf;
Vom Eisendorn den Rachen offen,
Hebt's brüllend noch die Klauen auf,
Noch brennt des Lebens wilder Trieb,
Noch muß des Schwerts gewalt'ger Hieb
Gewagten Spieles Preis gewinnen:
Da bäumt das Roß mit wilder Scheu,
Als ob der Tod im Nacken sei.

Und sieh'! ein kecker, junger Degen,
Dem kaum der Pflaum noch spielt ums Kinn,
Faßt kindisch halb und halb verwegen
Der Ehre köstlichen Gewinn
Gar schnell und lüstern zu Gesicht;
Den Brauch des Waidrechts kennt er nicht.
Sein Roß mag gutes Glück ihm zähmen,
Er setzt ihm rasch die Sporen ein
Und wähnt des Zieles Preis schon sein.

Da schlägt die alte Glut der Rache
In Hugo's Brust helllodernd auf:
»Wer wagt's zu führen meine Sache!«
So ruft er und in Sturmeslauf
Wird von der zürnend grimmen Kraft
Das scheue Roß auch fortgerafft,
Bald überholt er den Genossen:
Da brüllt das halberlegte Thier
Mit wüthend lechzender Begier.

Bald will den Ritter selbst umdüstern
Ohnmächt'ge Nacht im grausen Kampf,
Denn in die schaumbedeckten Nüstern
Des scheuen Rosses, noch im Dampf
Des eignen Bluts, die Klauen roth,
Krallt sich der Feind und sprüht den Tod!
Da wendet Hugo rasch die Lanze
Im Rachen um, der Nacken bricht,
Das Unthier stürzt und regt sich nicht.

Der eine Feind ist überwunden;
Doch aus der Scheide fliegt das Schwert,
Den andern hat es bald gefunden,
Noch ist der Rache nicht gewährt;
Und blitzend überm Haupte droht
Dem trotz'gen Knaben rascher Tod!
Da klingt es wie aus Himmelshöhen
Und durch die wildempörte Brust
Zuckt leise mahnend Schmerz und Lust.

Ihn dünkt's, er hört die süßen Töne,
Er schaut die Jungfrau unterm Kreuz;
Vor dieses Bildes reiner Schöne
Zerrinnt der Rache sünd'ger Reiz.
Der mächt'ge Arm, er ist entwehrt,
Langsam zur Erde sinkt das Schwert,
Er reicht dem Jüngling sanft die Hände,
In Thränen schimmert weich sein Blick,
Ihn rührt ein wunderbares Glück!

Der Starke hat sich selbst bezwungen,
Die Liebe hat die Kraft verliehn!
So schöner Sieg ist ihr gelungen,
Weil Gott geweiht die Herzen glühn.
Doch um ihn der Genossen Schaar,
Ihn preisend, jetzt versammelt war.
»Den Panther habe ich geschlagen;
Doch, der den größern Feind bezwang,«
Spricht Hugo: »dem gebt Ehr' und Dank

»Der Hirte hat sich treu bewiesen,
Hat seinen Engel mir gesandt;
Sei du, mein Gott, sei du gepriesen,
Daß ich den Gnadenwink verstand!«
Da naht von fern mit warmem Dank
Ein hoher Ritter, greis' und krank,
Dem wohl ein Pfeil mit gift'ger Wunde
Des Heldenarmes Kräfte brach,
Doch nicht des Herzens Heldenschlag:

»Ich dank' Euch meines Sohnes Leben,
Doch Größ'res noch habt Ihr erreicht:
Ein Beispiel habt Ihr ihm gegeben,
Ihr habt im Spiegel ihm gezeigt
Den Ritterarm, das Ritterherz!
Vergeben sei ihm all' mein Schmerz,
Wenn er sein zügellos Beginnen
Nun wandeln wird in Euer Bild:
Im Kampfe stark, im Siege mild!«

»O, wär't nur Ihr der wilden Jugend
Ein heller Leitstern auf der Bahn
Der ritterlichen Zucht und Tugend,
War' aller Gram mir abgethan!
Mich hat der Herr vom Amt gesetzt,
Hab' oft auch wol die Treu' verletzt;
Ich lege bald in stiller Kammer
Das gute, alte Schwert zur Ruh',
Das Vaterauge schließt sich zu.«

»Das Bruderauge bleibt noch offen,«
Fällt jener freudig ihm ins Wort,
»Ich bürge Euch für Euer Hoffen
Und danke euch den reichen Hort.«
Und Hugo schaut den Knaben an:
»Ob man auch also träumen kann?«
So denkt er und versinkt in Schauen,
»Ist überall mir denn enthüllt
Der holden Züge liebes Bild?«

Da tritt der Sohn ihm frisch entgegen:
»Herr Ritter, ich bin Euer Werth;
Die Knabenkräfte sind verwegen,
Langsamer Muth den Ritter ehrt.
Ich ward noch nie durch Zorn gezähmt,
Doch Eure Güt' hat mich beschämt;
Die Knabenlust ist nun zu Ende,
Nach Ritterweihe steht mein Sinn:
So ist der Schaden mir Gewinn!«

Und als der ganze Kreis vernommen
Mit Beifall solchen guten Spruch,
Da sehn in Würd' und Zier sie kommen,
Die allezeit er glorreich trug,
Den Kaiser Friedrich, ihren Herrn.
Er naht voll Huld sich Jedem gern;
Doch ist ein altes Haupt zu finden,
Dem ehrenwerth das Haar gebleicht,
Dem ist vor Allen er geneigt.

So fordert er auch jetzt die Kunde
Von Dem, was sich begeben hat,
Vor Allen aus des Greises Munde,
Ihm längst bewährt durch weisen Rath.
Bald war geendet der Bericht;
Doch sieh' – der Alte weiter spricht,
Erzählt vom rothgelockten Jäger,
Der in der Heimat Nachbarsland
Des »Volkes Geißel« ward genannt.

Und Ritter Hugo's Wangen brennen,
Er neigt verwirrt sein Angesicht,
Den rochen Tödter hört er nennen,
Es weicht ihm fast der Augen Licht;
Da lehnt sich an des Jünglings Brust
Der edle Greis mit Vaterlust:
»Mein Sohn,« so sprach er, »als du zürntest,
Erglühte roth dein golden Haar,
Da war mir bald das Wunder klar.«

»Was in der Knechtschaft roher Triebe
Gefesselt lag von eigner Kraft,
Das herrschet nun in freier Liebe
Und zähmt die wilde Leidenschaft.
Im Staube bet' ich freudig an
Die Hand, die so erlösen kann!
Genossen, seht, dem wilden Jäger
Erschien das ew'ge Himmelslicht,
Das siegend jede Nacht durchbricht!«

Er schweigt und dann zum Kaiser wendet
Er ehrfurchtsvoll gebeugt sein Haupt:
»Mein hoher Herr, ich hab' geendet.
Doch ein Begehr mir noch erlaubt;
Noch wird in Hugo's Heimatland
Sein Heidenname oft genannt.
Der Heide ist zum Christ geboren,
Uebt nun des Pathen Brauch und Kunst
Und tauft das Kind in Ehr' und Gunst.

Und Friedrich neigt in Huld und Gnaden
Sein edles, kaiserliches Haupt:
»Ich bin,« so spricht er, »gern geladen,
Wenn Ritter Hugo mir erlaubt,
Noch mehr zu thun, als Ihr begehrt;
Denn Majestät, die recht sich ehrt,
Muß anders messen, als Vasallen:
Reichsfrei, auch in dem ird'schen Reich,
Zum Erstenmal begrüß' ich Euch.

»Wohl habt auch jetzt noch Ihr getödtet –
Des eignen Herzens böse Lust!
Haht ofte Euer Schwert geröthet
Tief in der Glaubensfeinde Brust;
Doch für des Lebens ew'gen Sieg
Kämpft solcher blutig schwere Krieg;
Drum heiß' Euch Niemand mehr den »Tödter«;
Bei unserm Zorne sei's verpönt,
Daß man Euch fürder also höhnt!«

In brechliches Gefäß gegeben
Ist uns jedoch der ew'ge Hort;
So stirbt gar leicht das edle Leben
Nach unfers Meisters weisem Wort.
Drum mahn' an Eurer Locken Glut
Des Namens Klang zu frommer Hut:
So heißet fürder denn die »Röther«,
Du und dein adliges Geschlecht,
Beschirmt die Frau'n und schützt das Recht!«

Und hocherglüht von Scham und Freude,
Beugt Hugo sittiglich sein Knie;
Doch nur im Schweigen reden Beide,
Was tiefgefühlt ist, sagt sich nie.
Der greise Ritter drauf beginnt:
»Mir ist's, als wär's mein eigen Kind,
Dem sich der Kaiser hold erwiesen;
Drum werde jetzt des Herzens Grund
Euch Allen, edle Herren, kund!«

»Daheim bei frommen Klosterfrauen
Blieb mir ein zartes, holdes Kind;
Hätt' wol ihr selber dürfen trauen,
So rein ist sie und hochgesinnt!
Ist Euer Herz, Herr Ritter, frei
Und nirgends schuldig heil'ger Treu',
So schenk' ich Euch ihr reiches Erbe
Und sie, die Arme, werde reich
Durch Eure Huld nur und – durch Euch! «

Und, wie erweckt aus süßen Träumen,
Spricht Hugo, als er's kaum gehört:
»Wie gerne möcht' ich nimmer säumen,
Mit frohem Ja, wo Ihr begehrt!«
Und drauf erzählt er schlicht und wahr,
Wen ihm zum Engel in Gefahr
Noch diese Stunde Gott gesendet;
Und als er Alles treu bekennt,
Auch noch des Klosters Namen nennt:

Da faltet Jener seine Hände:
»Du frommer Gott, wie gut bist du!
'Du schenkst mir noch vor meinem Ende
Wol deines Himmels Glück und Ruh'!
»Die Deiner Seelen Heil gewinnt,
Ist Hildegard, mein theures Kind!
Nun will ich gern von hinnen scheiden,
Ich leg' Euch Drei in Gottes Hand,
Er hat gesegnet euer Band.«

Da liegt der Sohn in Vaterarmen,
Von sprachlos sel'gem Dank bewegt;
Der mochte nie in Lieb' erwarmen,
Dem hier das Herz nicht theilend schlägt!
Doch wenn der Erde Wonn' und Schmerz
Zu tief ergreift des Menschen Herz,
Dann wird des Lebens Keim getroffen;
Die Hüll' aus Staub erträgt es nicht,
Es reift der Kern, die Schale bricht.

Und dann ist Glück und Lust hienieden
Bald aufgelöst in ew'ge Ruh',
Der Alte auch in Gottes Frieden
That bald die müden Augen zu.
Und als des Krieges Brand gedämpft,
Auch Hugo's junger Freund erkämpft
Des Ritterschlags geweihtes Zeichen,
Da ward zu Blüt' und Frucht der Keim,
Da ziehn die Brüder freudig heim.

Und wo umkränzt mit Rebenhügel
Der Rhein die grünen Wellen schlägt,
Wo warme Luft mit leichtem Flügel
Sich kosend um die Stirne legt,
Wo ferner Berge duft'ger Saum
Weithin begrenzt des Blickes Raum
Und sanftes Blau die frischen Auen,
Da nahm in heimatlichem Schoos
Die Wandrer auf ein weites Schloß.

Dort zu der Heimat lieben Auen
Führt bald der Bruder sie zurück,
Die Schwester, die noch kaum vertrauen,
Kaum glauben kann dem Wunderglück.
Doch bald hebt sich ihr Blick hinan,
Wo ihre Lieb' es finden kann,
Das Vaterherz, das heimgezogen;
Und in der Gott geweihten Brust
Verschmilzt zum Frieden Schmerz und Lust.

Im Seelenschmuck, der nie veraltet,
Der immer neue Blüten trägt,
Hat Hildegard dort lang gewaltet,
Von Hugo's Liebe treu gepflegt.
Im heil'gen Bunde Gottes Bild,
War er die Kraft und sie war mild,
Und Beide ihres Hauses Ehre,
War er sein Stolz, sie seine Zier,
Der Enkel Vorbild für und für.

Noch wohnt in Deutschlands schönen Gauen
Der Röder blühendes Geschlecht,
Beschirmet ritterlich die Frauen
Und halt in Ehren Zucht und Recht;
Und an der Dirsburg frommem Heerd,
Wo man die Väter kindlich ehrt,
Wird noch gepflegt von treuen Händen
Der jungen Sprossen muntre Schar
Mit blauem Aug' und blondem Haar.

O, bleibe jedes Gute üblich
In dieses Stammes reichem Kranz;
Was fest und zart, was hoch und lieblich,
Das schmücke ihn mit frischem Glanz!
Des Fürsten Schwert, der Heimat Schild,
In Demuth stark, in Größe mild,
Sei Christi Kreuz nur seine Krone,
In Streit und Frieden sein Panier,
Sein Siegeszeichen dort und hier!