ngiyaw-eBooks Home

Stefan Zeromski – Den Raben und Geiern zum Fraß . . .

Novelle

Aus: Der Sieg des Todes, seltsame und phantastische Kriegsnovellen aller Zeiten und Völker; Herausgegeben von J. E.  Poritzky, Georg Müller Verlag, München und Berlin, 1915.


Kein heller Strahl war imstande, die Wolkenflucht zu durchdringen, die der Sturm vor sich hertrieb. Heimlich stahl sich der dürftige Morgenschein ins Land, das flach und weit und vollständig öde in seinem schwachen Lichte dalag. Prasselnd, wie eine Körnerflut, stürzte der Regen in Strömen herab. Der Wind griff die Tropfen im Fluge auf, riß sie in schrägen Streifen mit sich fort und schleuderte sie zur Erde.

Alles Leben in den Gräsern und Kräutern hatte der düstere Herbst bereits vergiftet und ausgedörrt. Ihrer Blätter beraubt, rauschten die schwarzgewordenen Weiden wehmütig und bogen ihre Gerten bis zur Erde nieder. Die Kartoffel- und Stoppelfelder, besonders aber die frischgeackerten und besäten Fluren waren zu bodenlosen Sümpfen aufgeweicht. Graue, in Fetzen gerissene, zerzauste Wolken strichen, ihre Oberfläche fast berührend, eilenden Laufes über die toten, regengepeitschten Felder hin.

Der Tag begann eben zu grauen, als Andreas Boritzky (der allgemein unter dem Namen Simon Winrich bekannt war) die Hügel von Rajgora hinter sich ließ und die Richtung nach den weiten Ebenen gegen Nassjelsk zu, einschlug. Das Gebüsch verlassend, verfolgte er eine Zeitlang die Spur eines schmalen Feldweges; als sich dieser aber in den Wasserlachen verlor, ging er gradaus über den Acker weiter.

Zwei Nächte hatte er bereits durchwacht und wanderte nun schon den dritten Tag zu Fuß neben dem Wagen her. In dem aufgeweichten Erdreich waren seine Stiefel auf so künstliche Art aus dem Leim gegangen, daß das Oberleder seine eigenen Wege suchte, die Sohlen auf eigene Faust marschierten, und seine bloßen Füße ganz vereinsamt daherschreiten mußten. Er war bis auf die Haut durchnäßt und starr vor Kälte. Wer hätte wohl in diesem ruppigen Gesellen den einstigen Vorsitzenden der sogenannten Schraubstocke erkannt, der lustigsten Zunft, die das Mondlicht je beschienen, – jenen früheren Jendrek, der Herr und König der Warschauer Undinen war? Sein Haar war zum »Adlerfittig« angewachsen, seine Nägel zu »scharfen Krallen«; er trug einen schweißdurchsetzten Bauernkittel, verschlang große Stücke Schrotbrot mit Speck und trank seinen Schnaps mit so kindlichem Ausdruck, als wäre es Sodawasser mit Himbeersaft.

Die Pferde waren hungrig und dermaßen erschöpft, daß sie immer wieder stehen blieben. Kein Wunder, die Räder versanken bis an die Achsenspitze im Kot, und auf dem Leiterwagen befanden sich, unter Erlenreisig, Heu und Stroh verborgen, wohl an die sechzig Reiterflinten und eine Anzahl Säbel, – der Waffen kleineren Kalibers gar nicht zu gedenken. Die Gäule waren nicht übel: sie waren groß und schlank, nicht allzu fett, aber es war ein guter Schlag von Wagenpferden. Täglich zehn Meilen zurückzulegen, war ihnen ein leichtes, wenn sie zweimal verschnaufen konnten und gehörig gefüttert wurden. Die Pferde gehörten einem kleinen Edelmann aus der Umgegend von Mlawa. Sie machten einen bedeutenden Teil seines Vermögens aus, denn er besaß summa summarum drei Gäule, aber dennoch lieh er sie Winrich jedesmal, wenn dieser ihn darum anging. Er kam gewöhnlich spät in der Nacht, klopfte ans Fenster, trat dann mit dem Hausherrn aus dem Hause, führte die Pferde mit dessen Hilfe leise, um den Knecht nicht zu wecken, aus dem Stalle, spannte sie an den Wagen – und heidi! Im Sommer war das ein ganz einfach Ding, jene Fahrten. Bei Tage schlief Winrich im Waldesdickicht, und die Pferde grasten. Jetzt aber war keine Möglichkeit zu schlafen oder die Tiere zu füttern. Winrich hatte darauf gerechnet, von jemand abgelöst zu werden, besonders jetzt, da er die schwierigsten Posten und Hindernisse schon überstanden. Aber die Zeiten hatten sich geändert. . . . Krampfte in diesem Lande noch jemand im vollen und wahren Sinne des Wortes, dann war er es – er, Winrich. Er allein ging noch Waffen schmuggeln, er allein ließ den Mut nicht sinken. Ohne sein Zutun wäre der ganze Insurgententrupp längst in alle Winde zerstoben. Lange hatte er diese gehetzten, hungernden, frierenden und angsterfüllten Menschen mit seinen höhnenden Worten aufrecht erhalten, hatte sie angestachelt wie mit Peitschenhieben. Nun, da alles kopfüber in den bodenlosen Abgrund des Schreckens stürzte, war er, wie man zu sagen pflegt, darauf erpicht, nicht nachzugeben. Je frecher und zudringlicher sich der philosophische Satz »Fratres rapiamus, copiamus, fugiamusque« – in die tiefsten Tiefen der Stimmungen und Gewissen, ja selbst in die Grundlagen der sogenannten revolutionären Politik einfraß, desto verwegener fühlte er seinen Trotz werden, desto furchtbarer peinigte ihn dieser Trotz und begann fast die Grenzen des Wahnsinns zu streifen.

Als er nun so durchnäßt, hungrig und unsäglich müde neben dem Wagen herwatete, drang – gleichsam mitsamt der Kälte, die ihn durchschauerte – das Gefühl seines Elends auf ihn ein. In der Tasche war ihm kein Krümchen Brot mehr geblieben, kein Tröpfchen Branntwein in der Flasche. Die zerrissenen Stiefel kommen, absolut betrachtet (wenn nota bene noch ein Millimeter Leder daran übrig war, der es verdiente, absolut oder sonst irgendwie betrachtet zu werden) – konnten also unmöglich die Ursache dieses Gefühls sein. Und auch der Hunger allein, auch die Kälte allein war es nicht. Aber den Spuren folgend, die diese zerrissenen Stiefel im Kot hinter sich ließen, ging die Ironie der Gedanken hinter Winrich drein, jenes grausame Elend, das keinen Augenblick davor zurückschreckt, ins Allerheiligste einzudringen; das mutig, wie ein schmutziger Wucherer, die kostbarsten Edelsteine des Menschengeistes in seine Schacherhände nimmt und ihren Wert bespöttelt, indem es dieser Niedertracht den Mantel logisch unumstößlicher Syllogismen umhängt.

»Alles ist durch Lumpen vernichtet,« flüstert Winrich und pfeift vor sich hin, »alles verloren – nicht nur bis auf den letzten Deut, sondern bis aufs letzte freie Aufseufzen verloren. Jetzt wird die Angst mit den weitgeöffneten Augen erst recht in die weite Welt hinausfliegen, und die Haare werden ihr zu Berge stehen, und alle Metaphysiker der Reaktion und alle Propheten der Finsternis wird sie aus ihren Mauselöchern locken. Was früher keiner gewagt hätte, einem andern ins Ohr zu flüstern, das werden sie jetzt in Hexametern besingen. Sie werden alles hervorzerren, was von einem Räuber und Verräter im Menschen steckt, und werden es öffentlich zur Schau stellen und sagen: Das ist ehrenwert, so müßt ihr sein! Und wenn ich bedenke, daß wir diejenigen sind, die diesen Fortschritt in den Anschauungen bewirkt haben, – weil wir den kürzeren gezogen! . . .«

Er zog den wollenen Gürtel fester an, schob den Kittel über der Brust zusammen und ging gesenkten Hauptes weiter. Von Zeit zu Zeit murmelte er grimmig zwischen den Zähnen:

»Die Hunde!«

Der Regen hatte seine Gewalt verloren und stäubte nur noch in jenen feinen, unaufhaltsamen Wasserteilchen herab, die einen undurchdringlichen Schleier dicht vor die Augen zu halten scheinen. Heftige Windstöße umtobten den Wagen, pfiffen durch die Speichen, blähten die langen Schöße des Kittels auf und zerrten an Winrichs Hemd.

Jenseits des Nebelschleiers wurde plötzlich ein einförmiges Wogen bemerkbar, das dem kaum sichtbaren Horizonte parallel lief. Es konnte eine Reihe von Wagen sein, eine Viehherde oder – Militär.

Einen Augenblick sah Winrich mit halbgeschlossenen Lidern nach jener Seite hin. Es war ihm, als hätte jemand den gekrümmten Finger unter die Lebensader in seiner Brust gesteckt und wollte sie ans Licht zerren.

»Die Russen . . .« flüsterte er.

Er ließ einen mächtigen Hieb auf die Pferde niedersausen, zog die Leine an, drehte auf der Stelle um und floh. Er wollte oder richtiger konnte den Kopf nicht wenden, um hinter sich zu sehen und zu erfahren, was dort vorging. Er glaubte, er würde unbemerkt zur Seite entweichen können. Unglücklicherweise aber war die Gegend ringsherum nackt und kahl.

Der fliehende Wagen wurde bemerkt. Ein Reitertrupp löste sich von den Reihen des nahenden Regiments, stellte sich vor der Front auf und sprengte dann in rasendem Galopp davon. Winrich, der den Vorgang mit ansah, konnte nicht dahinter kommen, ob die Leute auf ihn zukamen oder sich in der entgegengesetzten Seite entfernten. Erst als er die Fähnlein an den gesenkten Lanzen gewahrte und die Köpfe der Pferde, wußte er, woran er war. Da überkam ihn ein Gefühl, als sei das Blut, das in seinen Pulsen wogte, plötzlich erstarrt . . . Er hielt die Pferde an, wand die Hanfleine um das Ortscheit und dachte darüber nach, was er zur Gegenwehr aus dem Wagen ziehen sollte: einen Säbel oder einen Stützen, der nicht geladen war?

Ehe er jedoch irgend etwas vornehmen konnte, trat er mechanisch an seine totmüden Pferde heran und begann dem einen davon die Kandare abzunehmen und das Kummet über den Kopf zu ziehen, als wolle er diesen seinen Leidensgefährten die Freiheit geben. Einen kurzen Augenblick schmiegte er sich dabei an den Hals des Pferdes und seufzte.

Acht russische Ulanen, die auf prächtigen Pferden saßen, kamen auf den Wagen losgestürzt und umzingelten denselben im Nu. Einer von ihnen machte sich, ohne ein Wort zu äußern, sofort daran, die dürren Zweige und Strohbündel mit der Lanze abzuwerfen und das Innere des Wagens zu untersuchen.

Als die Lanzenspitze auf die Gewehrläufe traf und hell erklang, klopfte der Soldat Winrich auf die Schulter und blinzelte seinen Kameraden zu. Diese langten nach den Karabinern, die ihnen über den Rücken hingen. Winrich stand unbeweglich, wie vorhin, und umschlang den Hals des Pferdes mit einem Arm. Sein Mund war verächtlich verzogen und im Herzen verspürte er – nein, nicht Mut, sondern eine grenzenlose Verachtung, Verachtung alles dessen, was auf Erden war.

»Zu welchem Trupp wolltest du das bringen?« fragte der Russe, der die Revision vorgenommen.

»Schafskopf!« antwortete Winrich, ohne aufzusehen.

»Zu welchem Trupp wolltest du das bringen? Hörst du, Pollak?«

»Schafskopf!«

»Das ist kein Bauer,« sagte der Anführer, der eine Tresse auf dem Achselband hatte, zu seinen Untergebenen, das ist ein Powstanjetz.«1

»Schafskopf!« sagte Winrich, zur Erde blickend.

»Faßt den Hund!« schrie der Soldat.

Zwei von ihnen wichen augenblicklich einige Pferdelängen zurück und streckten die Lanzen mit einer blitzartigen Bewegung lagerecht vor. Der Verurteilte sah sie an, als sie gerade dabei waren, den Pferden die Sporen in die Flanken zu drücken, und sagte gleich darauf, indem er sich die Arme wie ein kleines Kind vor den Kopf hielt, mit leiser, merkwürdig klingender Stimme:

»Tötet mich nicht . . .«

Mit einem Satz sprengten sie von beiden Seiten auf ihn los und durchbohrten ihn. Der eine schlitzte ihm den Bauch gräßlich auf, der andere zermalmte ihm den Brustkasten. Ein dritter Ulan ritt zurück, und als die beiden andern, nachdem sie die Lanzen an sich gezogen und ausgespien hatten, zur Seite wichen, legte er an und nahm den Kopf des Aufständischen zum Ziel. Er drückte gerade in dem Augenblicke ab, als der Unglückliche in die Furche niederglitt. Die Kugel durchbohrte den Schädel des Handpferdes und tötete es auf der Stelle. Das Tier ächzte kläglich auf und stürzte leblos auf die Beine des sterbenden Andreas nieder. Die Soldaten stiegen ab und durchsuchten die leeren Taschen des Kittels. Erbost darüber, daß Winrich allen Schnaps ausgetrunken hatte, zerschmetterten sie die Flasche an seinem Schädel und zerfleischten seine Wangen mit ihren Sporen. Als das Signal ertönte, das zur Umkehr rief, sprangen sie in den Sattel, nahmen noch einige belgische Säbel vom Wagen und ritten dem Truppenteil nach, der sich schon in Regen und Nebel verlor. Der Schwadronschef verfolgte einen kleinen Trupp von Aufständischen so eilig, daß er keine Zeit hatte, umzukehren und die Waffen von Winrichs Wagen mitzunehmen.

Indessen wurde der Regen wieder heftiger und brachte den Aufständischen für einen kurzen Augenblick zur Besinnung.

Seine Lider, die Schmerz und Todesangst zugedrückt hatten, öffneten sich, und seine Augen blickten zum letztenmal zu den Wolken auf. Sein Mund zuckte und flüsterte diesen schnell dahineilenden Wolken seinen letzten Gedanken zu:

»Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.«

Die Hoffnung, in ein ewiges Leben einzugehen, durchdrang das ganze Wesen des Sterbenden mit einem allumfassenden Gefühl, das grenzenlos war, wie die Unendlichkeit. Mit dieser Hoffnung im Herzen gab er den Geist auf.

Sein Kopf hatte eine Höhlung in den Boden gedrückt, in der nun kleine Bäche zusammenflossen und eine Lache bildeten, die immer größer wurde. Die darauf niederprasselnden Tropfen trieben umfangreiche Blasen auf, die so schnell und spurlos zerstoben, wie heilige Menschenträume. Das erschlagene Pferd wurde in dem kalten Wetter schnell starr, das andere aber, das am Leben geblieben war, zerrte so ungestüm am Geschirr, als hiebe jemand mit einer Riemenpeitsche auf seinen Rücken ein. Plötzlich bog es sich über die Deichsel, über den toten Kameraden hinweg und beschnupperte Winrichs Haupt. Sowie es die Leiche gespürt, füllten sich seine Augen mit Blut, seine Mähne sträubte sich wild, es prallte zurück, schnellte dann mit einem Satze vorwärts, stampfte den Boden und schlug so wütend nach allen Seiten aus, daß eines seiner Hinterbeine zwischen die Speichen des Vorderrades am Wagen geriet. Es riß den Fuß mit aller Macht heraus und brach sich das Bein oberhalb der Fessel. Der Schmerz versetzte es in desto größere Wut. Außer sich, begann es in rasenden Sätzen herumzutoben. Der Knochen war so gespalten, daß einer der scharfen und spitzen Splitter die Haut durchbohrte und dieselbe infolge des Hin- und Herreißens immer weiter aufschnitt.

Erst am anderen Morgen hörte der Regen auf, obgleich sich der Wind nicht gelegt hatte. Die Wolken, die von tiefen, abenteuerlich gestalteten Schatten zerteilt wurden, eilten hoch über die Erde hin. Gegen den Wind und gleichsam den Wolkenzügen entgegen kamen Krähen und Raben scharenweis oder einzeln dahergeflogen. Das Sturmeswehen trieb sie zurück und fegte sie abseits, bog ihnen ab und zu komisch die Flügel nach oben oder schleuderte sie zu Boden, als wären's Steine. Der Vogelschwarm begann das auf dem Felde liegende Aas zu umkreisen, strengte alle seine Kräfte an, um seinen Flug niedriger nehmen zu können, und setzte sich endlich, nachdem er lange mit dem Sturme gekämpft, in einiger Entfernung auf den Acker nieder.

Das lebende Pferd stand noch immer mit seinem gebrochenen Beine da, das zwischen den Speichen steckte. Um des unerträglichen Schmerzes willen hatte das Tier die Versuche, es herauszuziehen, aufgegeben. Bei der leisesten Bewegung stieß der entblößte Knochen ans Holz und schnitt die Haut weiter auf.

Als das Pferd die Krähen erblickte, die langsamen Schrittes, die Füße bedächtig bebend, auf den Wagen zukamen, wieherte es. Es war, als riefe es den Menschen, dem ganzen Menschengeschlechte zu:

»Oh, ihr nichtswürdigen Menschen, oh! Frevlerbrut! Oh, mörderisches Geschlecht!«

Dieser Aufschrei hallte durch die öde Umgegend wider und ging, das Fortschreiten der Leichenfresser nur einen kurzen Augenblick aufhaltend, im Toben des Windes unter. Die Krähen kamen verständig, taktvoll, umsichtig, geduldig und diplomatisch näher, indem sie die Köpfe hin- und herbewegten und die Lage der Dinge aufmerksam zu ergründen suchten. Eine von ihnen verriet einen ungewöhnlichen Vorrat an Energie, an der Sucht, sich hervorzutun, oder an Haß. Übrigens war sie möglicherweise einfach leidenschaftlich auf die Interessen ihres Schnabels und Magens bedacht, d. h. sie war, wie man zu sagen pflegt – tapfer. Sie kam bis an die Nüstern des erschossenen Pferdes marschiert, aus denen noch große Tropfen geronnenen, mit rostigem Schleim überzogenen Blutes quollen. Ihre scharfen und durchdringenden Augen hatten erblickt, was nötig war. Da sprang sie, ohne erst lange zu besinnen, auf den Kopf des toten Gaules, hob den Kopf, stemmte die Beine auseinander, wie ein Holzhacker, der eben im Begriff ist loszuschlagen, gab ihrem Schnabel eine senkrechte Stellung und hieb wie mit einem eisernen Fausthammer auf das gebrochene Auge des Kadavers ein. Dem Beispiel der mutigen Krähe folgten auch die andern Gefährtinnen. Diese präparierte eine Rippe, jene hackte an einem Beine, eine andere zerrte die Wunde am Schädel weiter auf. Vor allen jedoch zeichnete sich die aus (von rechtswegen müßte sie »bedeutend« genannt werden), die ins Innere des Gehirns hineinsehen wollte, in die Wohnstätte des freien Gedankens, um es mit Stumpf und Stiel zu verfolgen. Sie setzte den Fuß majestätisch auf Winrichs Bein, marschierte darüber hin, gelangte glücklich an den Kopf und begann das Innere dieses Schädels – diese letzte Feste des polnischen Aufstandes – mit aller Gewalt zu bestürmen.

Aber ehe sie von dem aufwieglerischen Hirn kosten und einen begründeten Anspruch auf Ruhm erlangen konnte, wurde sie von einem neuen Ankömmling verscheucht, der unbemerkt, geduckt, einer großen, grauen Bestie gleich, näherschlich. Es war keineswegs ein poetischer Schakal, sondern ein armer Mensch, ein Bauer aus dem nächstliegenden Dorf. Auf der Ackerparzelle, die von nun an sein eigen sein sollte, lagen tote Leiber, – und er kam, sie fortzuschaffen.

Ihm war himmelangst vor den Russen, daher kroch er fast auf allen Vieren. In seinem Herzen brannte der leidenschaftliche Wunsch, die Riemen abzuschneiden; und die süße Hoffnung, trotz der Soldaten noch Eisen, Stricke und irgendein Kleidungsstück an dem Toten vorzufinden, stachelte seinen Hut an. Als er endlich an der sterblichen Hülle Winrichs stand, schüttelte er den Kopf und seufzte, – dann kniete er nieder, nahm die Mütze ab, schlug das Kreuz und betete mit lauter Stimme.

Als er das Amen – schon mit gierig aufblitzenden Augen – gesprochen, stürzte er sich vor allem auf die Taschen und durchsuchte sie und den ganzen Kittel nach dem Geldsack. Aber er fand nichts mehr. Da riß er dem Toten den Rock und das grobe Linnen vom Leibe, zog ihm die Stiefel aus, nahm selbst die Fußlappen mit, wickelte einen Teil der Waffen hinein und trat eilig den Rückweg an. Nach einer Stunde kam er wieder, um den Rest der Beute zu holen. Gegen Mittag brachte er ein paar Pferde mit und spannte den lahmen Gaul aus. Als er das gebrochene Bein sorgfältig untersucht, kam er zu der Einsicht, daß es ganz unbrauchbar geworden. Das Pferd, das zu nichts mehr nutze war, mußte umgebracht werden. Ohne Zögern warf er ihm daher einen Strick um den Hals, band denselben an die Vorderwage, die hinter seinen Pferden herschleppte, spuckte in die hohle Hand und trieb sie mit einem mächtigen Hiebe an. Die Pferde zogen plötzlich an, die Schlinge schnürte die Kehle des Delinquenten zu und riß ihn zu Boden. Einen Augenblick später aber schnellte der Todgeweihte empor und lief, mit der scharfen Spitze des nackten Schienbeins auf Schmutz und Steine tretend, den ihn weiterziehenden Pferden im Galopp nach.

Der Bauer sah sich um und mußte sich die Augen vor Ekel zuhalten. Sogleich band er den Strick los und ließ ab von der Exekution. Er spannte die Pferde vor den Wagen und fuhr fort. Nachmittags erschien er mit seinem Klappmesser und häutete das Pferd, das die Ulanen erschossen. Nun mußte noch die Haut von dem lebenden Pferde abgezogen werden. Das Bäuerlein dachte nach, überlegte hin und her und betrachtete die Angelegenheit von allen Seiten. Er hätte den Halbtoten mit seinem Messer abmurksen und die ganze Geschichte im Handumdrehen erledigen können, aber er hatte keine Lust, sich moralisch und physisch zu »beschmuddeln«. Andrerseits aber fürchtete er ernstlich, es könnte jemand in der Nacht kommen, dem Gaul den Garaus machen und die Haut abziehen. Endlich sagte er, von eine Art Skrupel erfaßt, zu dem Darniederliegenden!

»Ei – ich will dich schon noch japsen lassen! . . . Bis morgen früh hast du sowieso alle Viere von dir gestreckt. Ich hab mich abgerackst! Unser barmherziger Heiland ist mir armem Sünder gnädig gewesen. . . . Am Ende hat's auch niemand gesehen, am Ende kommt niemand die Haut holen. Heut hab ich sowieso Glück gehabt. Japse schon noch, armes Vieh, japse nur!«

Abseits von der Richtung, die Winrich eingeschlagen, waren auf dem Felde Kartoffelgruben angelegt. Da es sich gezeigt hatte, daß Wasser in diese Winterkeller des Herrenhofes ein- drang, waren sie verlegt worden, und Unkraut überwucherte jetzt die Gruben. Berberitzensträucher bedeckten den Boden und die Wände derselben. Die Dielen der Holzbekleidung waren, Lehmbrocken mit sich reißend, eingestürzt – und hatten Höhlen und Katakomben gebildet, die jetzt voll flüssigen Rotes waren. In eins dieser Löcher schleifte der Bauer gegen Abend den Leichnam des Insurgenten und das abgehäutete Pferd. Er stieß beide in ein und dieselbe Höhlung, schob sie mit einer Stange unter die Dielen und das Unkraut und warf alles mit etwas Lehm zu, damit die Krähen diesen Fraß nicht wittern könnten.

Als er sich nun, gegen sein Wissen und Wollen, auf diese Weise ob der jahrhundertelangen Knechtschaft, ob dem Vorenthalten jeglichen Lichts, ob der Ausbeutung, dem Schimpf und Leiden des Volkes gerächt, ging er entblößten Hauptes und ein Gebet auf den Lippen seinem Hause zu. Eine wunderbar innige Freude senkte sich in seine Seele nieder und malte den ganzen Horizont vor ihm, seinen ganzen intellektuellen Gesichtskreis, die ganze Erde, mit zauberisch schönen Farben. Aus tiefstem Herzen, aufrichtig und wahrhaftig lobte er Gott, der ihm in seiner grenzenlosen Milde so viel Eisen und Lederzeug gesandt hatte.

Plötzlich hallte in die Totenstille der herbstlichen Dämmerung ein verzweiflungsvolles Wiehern über der Erde wider. Der Bauer blieb stehen, schützte die Augen mit der Hand gegen den Abendglanz und sah gen Sonnenuntergang.

Von dem Hintergrunde, den das lilafarbene Abendrot bildete, hob sich das Pferd ab, das sich auf die Vorderfüße stützte. Es schwenkte den Kopf hin und her, streckte ihn nach der Seite hin, wo Winrichs Grab war, und wieherte.

Ganze Scharen von Krähen flatterten über dieser lebendigen Leiche, erhoben sich in die Luft, schwebten herab und kreisten hin und wieder. Der Abendschein verglühte zusehends. Von jenseits der Erde zog die Nacht, zogen Tod und Verzweiflung heran.




1 Insurgent. Es handelt sich um den polnischen Aufstand von 1803.