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Kathinka Zitz-Halein – Wirbelwind

Märchen

Aus: Kathinka Zitz-Halein, Sonderbare Geschichten aus den Feenländern Zweites Bändchen, Verlag von Friedrich Campe, Nürnberg, 1844, S. 254ff.


Es war einmal ein König, der, nachdem er durch den Tod seiner schönen Gemahlin, die er von ganzem Herzen geliebt hatte, zum Wittwer geworden war, fast einen Abscheu vor allen Frauen hatte, und jede Pathie, die man ihm antrug, verwarf.

Ulyssiane, Königin des wunderbaren Vorgebirgs, die wegen ihrer Schönheit und mehr noch wegen ihrer Zauberkünste berühmt war, gab sich vergebliche Mühe, den König zum Gemahle zu bekommen. Sie stammte in grader Linie von Ulysses und der Zauberin Circe ab und hatte auch alle ihre geheimen Künste von dieser berühmten Erzhexe geerbt. Sie hatte zudem ihre guten Gründe, warum sie grade den König heirathen wollte, denn sie hatte aus ihren Büchern ersehen, daß dessen kleine Tochter sie unglücklich machen und sie hindern würde, die Gegenliebe Desjenigen, den sie am meisten lieben würde, zu erhalten, wenn es ihr nicht gelänge, die kleine Prinzessin Isene vor ihrem vierten Jahrein ihre Gewalt zu bekommen und sie zu ermorden.

Es galt also jetzt, alles Mögliche zu versuchen, um ihren Zweck zu erreichen. Ulyssiane begab sich einst in einen Wald, als der König in demselben jagte. Sie hatte kostbare Zelte aufschlagen lassen, und sie sowohl, als ihr Gefolge waren im höchsten Glanze. Als der König dieses so unvermuthet sah, war er viel zu fein, um der Königin nicht seine Aufwartung zu machen. Sie gefiel ihm, doch begann er sie erst zu lieben, als er den ersten Bissen gegessen hatte; denn sie hatte ihn in ihrem Zelte mit einem köstlichen Zaubermahle bewirthet, wodurch der arme König so sehr in ihre Netze gerieth, daß er ihr den Vorschlag machte, sogleich seine Gemahlin zu werden. Man kann leicht denken, daß sie das, was sie so sehnlich gewünscht hatte, nicht ausschlug, und vielleicht ist noch niemals ein hohes Beilager mit so wenig Ceremonien gefeiert worden, als dieses.

Es wurde Ulyssianen nicht schwer, großen Einfluß auf den König zu erhalten. Sie liebkoste die kleine Isene, die der König sehr lieb hatte, und sie war auch in der That das liebenswürdigste Kind von der Welt. Sie war jetzt beinahe vier Jahre alt, und das war grade ihr fataler Zeitpunkt; denn wenn sie diesen überlebte, so sollte Ulyssiane durch sie unglücklich werden. Die Fee besaß einen Vertrauten, Namens Arrogant; diesem gab sie den Befehl, die kleine Prinzessin zu nehmen, ihr einen Stein an den Hals zu binden und sie in das Wasser zu werfen; denn hätte sie dieselbe auf eine andere Weise ermorden lassen, so hätte man es leicht entdecken können.

Arrogant übernahm willig die Ausführung dieses grausamen Befehls. Er nahm die kleine Prinzessin, ging mit ihr an einen Fluß und setzte sie am Ufer nieder, um einen großen Stein zu suchen, den er ihr an den Hals binden wollte. Sein harter Sinn wurde durch alle ihre kindlichen Liebkosungen nicht erweicht. Kaum hatte er sie aber an das Ufer gesetzt, so entstand ein Sturm mit einem heftigen Wirbelwinde; und als Arrogant mit dem Steine kam, um die Prinzessin in das Wasser zu werfen, so war sie fort. Er suchte überall, ohne sie zu finden, und dachte endlich, der Wirbelwind hätte sie in den Fluß geschleudert und sie wäre fortgeschwommen. Er kehrte also zu der Königin zurück und sagte, daß er ihren Befehl vollzogen habe, und daß die Prinzessin ertrunken sey. Indessen war die kleine Isene in ein prachtvolles Schloß gebracht worden, wo sie bis in ihr achtes Jahr erzogen wurde. Als aber Ulyssiane sah, daß ihr Geliebter, den sie sich erwählt hatte, sie, trotz dieser That, doch nur ganz kurze Zeit liebte, so schmerzte sie es sehr, daß ihre Kunst zum ersten Male fehlgeschlagen war.

Sie schlug abermals ihre Zauberbücher nach und studierte sehr fleißig darin, bis sie endlich sah, daß Isene nicht todt seyn konnte. Sie ließ Arrogant rufen, und ohne ihn hart anzufahren, drang sie nur in ihn, ihr die Wahrheit zu sagen. Er gestand ihr Alles und sagte, daß er eigentlich nicht wüßte, was aus der Prinzessin geworden sei. Die Königin begab sich nun zu dem weisen Protheus, und dieser entdeckte ihr, daß sich die kleine Prinzessin in der Gewalt ihres Geliebten befände; zugleich bemerkte er ihr, daß sie dieselbe nur durch den schönsten Knaben von der Welt aus seinem Palaste locken könnte. Nun war guter Rath theuer, denn wo sollte sie diesen Knaben finden? Endlich erfuhr sie, daß der schönste Knabe ein Prinz von Frankreich sey, und dennoch war die Schönheit nur der kleinste seiner Vorzüge, denn er versprach durch seine andern vorzüglichen Eigenschaften einst ein Wunder der Welt zu werden. Ulyssiane eilte also nach Paris, ging grade in die königlichen Zimmer und holte den zehnjährigen Prinzen aus dem Bette; dann trug sie ihn in die Nähe des Schlosses, worin Isene lebte. Die Fee spritzte überall Mohnsaft aus, ausgenommen in dem Zimmer der Prinzessin, die sonst lange in den Tag hineinzuschlafen pflegte, diesmal aber schon mit Sonnenaufgang erwachte.

Da sie nicht wieder einschlafen konnte, so stand sie auf und lief in dem Schlosse umher, wo Alles noch fest schlief. Endlich wagte sie sich sogar in das Freie, wo sie einen Knaben sah, der eben so schön als sie selbst war. Ihre Augen strahlten vor Freude, als sie sich erblickten, sie reichten sich die Hände und umarmten sich so fest, als ob sie in Ewigkeit mit einander verbunden bleiben sollten; dann liefen sie am Ufer des Meeres umher, und als sie ein buntbemaltes Schiffchen sahen, sprangen sie lustig hinein. Augenblicklich segelte das Fahrzeug fort und landete in dem Königreiche, wo Isenens Vater herrschte. Er befand sich mit seiner Gemahlin grade im Hafen, als das Schiff vor Anker ging, und beide nahmen sie mit großer Freude auf; denn Ulyssiane machte sich ein Verdienst bei dem Könige aus Isenens Rückkehr, als hatte er sie ihr zu danken. Da er sich schmerzlich über ihren Verlust betrübt hatte, so glaubte er, die Königin hätte sie aus Liebe zu ihm aufsuchen lassen, und vertraute sie ihr völlig an.

Die Königin hatte einen Palast bauen lassen, der von ihrem Residenzschlosse nur durch einen Garten abgesondert war. Diesen Palast wies sie der kleinen Prinzessin zur Wohnung an. Sie fühlte die größte Abneigung gegen sie und beschloß, sie auf die entsetzlichste Weise zu quälen. Um dieses besser zu können, sah sie es ganz gern, daß in den jungen Herzen der Prinzessin und des Prinzen Niort (so hieß der französische Prinz) eine innige Neigung entstand. Sie wollte Isene in der Person ihres jungen Freundes kränken, und freute sich sehr, daß sie sich liebten, um sie desto mehr leiden zu lassen.

Sie gab dem jungen Niort ihren Günstling Arrogant zum Hofmeister. Täglich durfte er die Prinzessin besuchen, denn sie sollten recht oft bei einander seyn, um sich immer fester an einander anzuschließen. Dieses währte, bis die Prinzessin fünfzehn und der Prinz siebenzehn Jahre alt waren. Der König sah es nicht gern, daß er seine Tochter so selten zu sehen bekam, denn sie durfte nur bei besonderen Festen am Hofe erscheinen. Viele Könige warben um ihre Hand, wurden aber alle abgewiesen. Die Königin schwatzte ihrem Gemahle allerlei vor und sagte, das Schicksal seiner Krone sey mit dem der Prinzessin verbunden, und mehr dergleichen.

Als Niort einst wieder zu der Prinzessin kam, sah sie, daß er sehr niedergeschlagen war und geweint hatte, denn die Thränen standen ihm noch auf den Wangen, so wie am Morgen die Thautröpfchen in frischen Blumen stehen.

»Was fehlt Euch? Was ist geschehen?« fragte die Prinzessin besorgt. »Fühlt Ihr Euch nicht glücklich bei meinem Vater? oder leidet Ihr an irgend Etwas Mangel?« – »Wenn ich Euch sehe, bin ich stets glücklich,« erwiederte er, »und wenn ich Euch bisher nicht sah, so war ich doch vergnügt, wenn ich an Euch dachte. Aber seit einigen Tagen muß ich mich jeden Abend, auf Arrogants Befehl, auf die traurige Insel begeben; dort finde ich ein Ungeheuer zu bekämpfen und besiege es jedesmal. Dieses thue ich nun ganz gern, denn ich übe meinen Muth an ihm; aber man muthet mir auch viele schimpfliche Dinge zu, die ich mich schäme Euch zu sagen. Meine größte Qual ist jedoch die Drohung, Euch nicht mehr sehen zu dürfen.« Er brach aufs Neue in Thränen aus, und auch Isenens Augen wurden naß.

Sie versprach ihm, mit dem König und der Königin zu sprechen und sie zu bitten, sie nicht von einander zu trennen. Als sie aber am folgenden Tage Niort nicht zu sehen bekam, gerieth sie in große Angst. Sie speiste nicht zu Nacht und schickte ihre Kammerfrauen früh zu Bette, um allein zu seyn. Sie hatte ihren Vater an diesem Tage nicht gesehen, und ihre Stiefmutter hatte sie ausgescholten, weil sie so betrübt aussah. Plötzlich erhob sich ein starker Wind, die Fenster bebten in ihren Angeln und eins derselben sprang auf. Sie erschrak sehr und wollte schreien, als ein schöner Jüngling durch das offene Fenster kam. Er war sehr groß und schlank, hatte muntere, blitzende Augen und war sehr lebhaft.

»Schöne Prinzessin,« sagte er, »ich komme, Euch meinen Beistand anzubieten. Es ist nicht das erste Mal, daß ich Euch diene. Kennt Ihr mich?« – »Nein,« erwiederte die Prinzessin, »ich entsinne mich nicht, Euch je gesehen zu haben, und denke auch überhaupt an Niemand, als an Niort.« – »Das nenne ich doch ein freimüthiges Geständniß,« sagte er lachend; »doch ich bin Euch eben so gut als Niort, und glaube sogar, daß ich Euch lange lieben werde, obgleich ich von Natur sehr flüchtig bin.« – »Ihr drückt Euch höchst sonderbar aus,« sagte die Prinzessin: »Darf ich fragen, wer Ihr seyd?«

»Ich bin Wirbelwind,« erwiederte er, »mein Vater ist Zephyr. Er übergab nur einen Theil der Luftherrschaft, und da er sah, daß ich leichtsinnig und ein wenig ungestüm bin, so richtete er meine Verhältnisse nach meinen Neigungen ein. Mein Reich folgt mir überall nach, und meinen Palast trage ich stets bei mir. Meine Unterthanen, die der gemeine Haufen Stäubchen und Körperchen nennt, beherrschen die Herzen der Menschen und verbinden ihre Neigungen. Da ich ein so galantes Volk habe, so darf es Euch nicht wundern, daß ich selbst so zärtlich gesinnt bin.«

»Ihr könnt nicht glauben,« fuhr er fort, »wie bequem es ist, sein Haus und die ganze Haushaltung mit sich zu führen. Ich wechsele das Clima nach der Jahreszeit und lebe in einem ewigen Frühlinge, bald auf den Bergen, bald in den Thälern. Bald setze ich meinen Palast an das Ufer des Meeres, bald in einen Wald, kurz, wohin es mir beliebt. Ich eile von einem Ende der Welt an das andere; bald wohne ich in Indien, bald in Afrika, bald wieder in Europa. Mein Land, mein Palast, meine Unterthanen sind unsichtbar für die Menschen, so lange es mir beliebt. Was man einen starken Wirbelwind nennt, das ist mein Reich, und wenn ein Wirbelwind entsteht, so kommt es daher, daß ich mein Reich von einem Orte zu einem andern trage. Ich mache überall großes Aufsehen; wenn ich komme, so hört man mich schon von Weitem, denn ich mache großen Lärm. Ohne diesen wäre ich so viel als Nichts, denn ich komme und gehe schnell wieder fort. Ich habe viele Kinder, die alle meine schlechten Eigenschaften besitzen, ohne eine einzige von meinen guten zu haben; denn, wenn ich auch flüchtig in meinen Neigungen bin, so bin ich es doch nicht gegen meine Freunde. Diese liebe ich treu; was ich besitze, ist auch ihr Eigenthum, und ich diene ihnen, wo ich kann. Auch Euch habe ich schon gedient und Euch der bösen Ulyssiane entführt, als sie Euch ersäufen lassen wollte.«

Wirbelwind erzählte ihr Alles, was als Kind mit ihr geschehen war. Isene entsetzte sich vor der Bosheit ihrer Stiefmutter und sah ein, daß sie dem Luftfürsten großen Dank schuldig war. »Also die Königin liebte Euch?« fragte die Prinzessin: »Aber Ihr liebt sie nicht mehr?« – »Nicht im Geringsten!« erwiederte Wirbelwind: »Sie that Alles, was ich wünschte; aber ich wurde ihrer bald überdrüssig. Doch Euch, schöne Prinzessin, würde ich beständig anbeten.« – »Schweigt,« sagte Isene, »ich will von Eurer Anbetung nichts wissen! Bleibt aber mein wahrer Freund und helft mir ferner gegen die bösen Absichten meiner Stiefmutter. Doch, wie kann ich Euch zu Hülfe rufen, da man niemals weiß, wo Ihr seyd?« – »Nehmt dieses Sprachrohr,« sagt« er, »und wäre ich auch am Ende der Welt, so werde ich doch auf Euren Ruf erscheinen. Thut es aber nur, wenn es die höchste Noch erfordert; denn, obgleich dieses Sprachrohr nur eine Spanne lang ist, so gibt es doch einen so furchtbaren Ton von sich, daß die Leute in vielen Ländern vor Furcht erzittern. Das Horn des berühmten Astolf war nur ein Kinderspiel dagegen. Jetzt muß ich fort, denn ich bin um Mitternacht zu einer Gemahlin des großen Moguls bestellt.«

»Ich verlasse mich auf Eure Freundschaft,« sagte die Prinzessin: » Aber wißt Ihr nicht, wo mein guter Niort ist?« – »Nein,« entgegnete Wirbelwind, »aber morgen früh, wenn Ihr Euer Fenster öffnet, sollt Ihr Nachricht von ihm erhalten. Gute Nacht! Ich muß fort!«

Er sauste schnell dahin. Isene legte sich voll Hoffnung zu Bette und schlief ruhig ein. Sobald sie am andern Morgen erwachte, öffnete sie ihr Fenster. Aber sie erschrak, als sie, statt des gehofften Wirbelwindes, drei Schneeballen und auf einem jeden einen Tropfen Blut fand. Sie zitterte, betrachtete aber doch die Schneeballen genauer, und erblickte in dem einen Blutstropfen die traurige Insel, ganz so wie sie ihr Niort beschrieben hatte. Er kämpfte mit einem geflügelten Drachen und erlegte ihn. Im andern Tropfen sah sie, wie der grausame Arrogant ihn der Fee überlieferte, und wie diese ihn in eine dichte Finsterniß warf. In dem dritten Tropfen las sie folgende Worte: »Du hast ihn auf ein ganzes Jahr verloren! Gedulde Dich! Eher kann ihm keine Hülfe werden.« Die arme Prinzessin sank ohnmächtig nieder; als sie wieder zu sich kam, weinte sie schmerzlich, entschloß sich aber, Wirbelwinds Rath zu befolgen. Als nun die Fee sah, daß sie so geduldig war, ärgerte sie sich sehr. Sie hatte in der That Niort von der traurigen Insel fortgebracht, in der Absicht, ihn auf immer unglücklich zu machen. Sie führte ihn weit weg in ein Gebirge; dort zeigte sie ihm zwei Wege. » Hier müssen wir scheiden!« sagte sie: »Wähle einen von diesen Wegen. Der eine führt zu der Nacht; gehst Du diesen, so mußt Du mir das Kopfkissen des Morpheus bringen. Der andere Pfad führt zu dem Lichte; wählst Du diesen, so bringst Du mir ein Haar aus dem Augenliede der Welt.

Niort sagte mit höhnischem Lächeln: »Warum befiehlt mir die Frau Fee nicht ohne Umstände, in den Tod zu gehen? oder warum ermordet sie mich nicht gleich selber, statt mir unmögliche Dinge aufzugeben? Welchen Weg soll ich denn einschlagen?« – »Das steht Dir frei,« erwiederte die Fee; dann zog sie ein Geldstück aus ihrer Börse, ließ ihn rechts oder links rathen, und da er links rieth, so mußte er den Weg der Nacht wandeln.

Ulyssiane legte ihm die Hand auf den Kopf, und sogleich wurde es finster um ihn. Er ging immer fort und die Nacht nahm kein Ende. Zuweilen legte er sich nieder und schlief, aber wenn er wieder erwachte, war es noch immer Nacht um ihn. Es hungerte ihn, und da er befürchten mußte, Hungers zu sterben, so entschloß er sich, fortan nur noch an Isene zu denken und den Tod zu erwarten. Aber plötzlich bemerkte er ein Licht, welches immer näher kam, und plötzlich stand ein Knabe, der ein Wachslicht trug, vor ihm. Dieser Knabe, schöner als Ganymed, obgleich er nur ein Küchenjunge war, trug einen langen Kittel, aber nicht von Sackleinwand, sondern von Goldstoff, mit blauer Seide durchwirkt, und eine Schürze, mit venetianischen Spitzen besetzt; auf dem Kopfe hatte er eine rothe Mütze, und über dem Ohre steckte ihm ein Busch Fasanenfedern. Am Gürtel hatte er einen goldenen Löffel hängen und in der Hand trug er einen goldenen Topf. Er blieb vor Niort stehen und gab ihm eine kräftige Suppe mit Markklößchen zu essen, die ihm sehr wohl bekam, und versprach ihm, alle vierundzwanzig Stunden etwas zu essen zu bringen.

Niort wollte ihn ausfragen, aber war nun der Junge kein Freund von vielem Sprechen, oder war es ihm verboten, genug, er antwortete nicht. Der Prinz setzte seinen Weg fort und pflegte nun die Tage nach den Besuchen des Küchenjungen zu zählen, da er sich nicht nach Sonnenauf- und Untergang richten konnte. Endlich kam er in ein großes dunkeles Haus, worin aber doch einige Lampen brannten. In den ersten Gemächern erblickte er wunderliche Dinge, die sich so schnell aus einer Gestalt in die andere verwandelten, daß er bald merkte, daß es seltsame Träume waren. Er erblickte sich selbst darunter und hörte, wie sein anderes Ich zärtliche Gespräche mit der schönen Isene führte. Er freute sich sehr, denn es war ihm ein großer Trost, daß sie so angenehm von ihm träumte.

Er ging weiter und sah in den folgenden Zimmern allerlei Dinge, wovon eines immer seltsamer war als das andere. Endlich gelangte er in ein prachtvolles Gemach, in welchem ein junger Mann auf einem Bette lag und fest schlief. An seinen sanften, ruhigen Zügen erkannte er sogleich Morpheus, den Gott des Schlafes, der von den Unglücklichen angerufen wird, um ihre Schmerzen zu lindern. Seine Bettdecke bestand aus Murmelthierfellen und sein Kopfkissen war mit Turteltaubenflaum gefüllt. Niort zog es ihm leise unter dem Kopfe weg, wie es die Fee befohlen hatte, und entfernte sich wieder. Als er das Haus verließ, wollte er im Finstern weiter gehen, aber es stand ihm etwas im Wege; als es ihm endlich gelang, sich Platz zu machen, erblickte er einigt Lichtstrahlen, und bemerkte nun den grossen, undurchsichtigen Vorhang, der die Nacht von dem Tage scheidet, und dieser war es eben, der ihm im Wege gestanden hatte.

Er freute sich sehr, als er das Licht wieder sah, und je weiter er ging, desto heller wurde es. Er begrüßte die Morgenröthe, die die ersten Blicke auf ihn warf und ihn so wohlgefällig ansah, als wäre er Cephalus selbst. Bald sah er auch Phöbus dem Meere entsteigen; er kleidete sich herrlich an, setzte seine blitzende Strahlenkrone auf das Haupt und bestieg seinen Wagen, in welchem er durch vier muthige Pferde mit unglaublicher Schnelligkeit fortgerissen wurde. Niort wandelte lange am Ufer des Meeres fort und wußte nicht wohin, denn er war am äußersten Ende Asiens. Plötzlich entstand ein fürchterliches Brausen und ein heftiger Wirbelwind zog ihm über dem Kopfe weg. Als die Luft wieder ruhig geworden war, sah er einen schönen Jüngling vor sich stehen: es war Wirbelwind selbst, der ihn freundlich ansprach und ihn fragte, wie es ihm auf, seiner Reise gegangen sey? Er sagte ihm auch, daß er ihm den Küchenjungen geschickt hätte, damit er nicht Hungers gestorben sey, und daß Ulyssiane ihn vergessen hätte, weil sie der Meinung wäre, daß er längst todt sey.

Niort dankte ihm und fragte, wer er sey? Wirbelwind gab sich ihm zu erkennen und nahm ihn mit sich in seinen flüchtigen Palast, wo sie ein enges Freundschaftsbündniß mit einander schlossen; auch sagte er ihm, das einzige Mittel, sich und die Prinzessin Isene künftig vor den Verfolgungen der Fee zu sichern, wäre, ihr den Zaubergürtel zu rauben, den sie auf der bloßen Haut trüge, indem ihre ganze Zauberkunst in diesem Gürtel enthalten sey. Gelänge es nicht, ihr diesen Gürtel zu entreißen, so würden er und die Prinzessin durch sie unglücklich werden.

Der schöne Niort seufzte, als er das hörte, und bat seinen Freund Wirbelwind, der Prinzessin so schnell als möglich zu Hülfe zu eilen. Wirbelwind wußte wohl, daß sie seiner jetzt nicht bedurfte, sonst hätte sie ihn vermittelst ihres Sprachrohrs gerufen; aber da er merkte, daß es dem Prinzen darum zu thun war, sie zu sehen, so erhob er sich mit ihm, flog davon und setzte seinen Palast in den königlichen Garten, ganz in die Nähe der Wohnung der Prinzessin.

Er riß sogleich ein Stück Gartenmauer nieder, und schuf eine Verbindungsthüre zwischen den Gemächern Isenens und jenen des Prinzen. Indem die beiden Freunde bei ihr eintraten, schlief sie noch. Die Vorhänge ihres Bettes waren der Hitze wegen zurückgeschlagen; ihr einer Arm lag unter ihrem Kopfe, und die andere Hand ruhte auf der Bettdecke. Niort kniete auf der einen Seite ihres Bettes schüchtern nieder; Wirbelwind trat auf die andere Seite, ergriff ihre Hand und küßte sie, so daß sie erwachte. Sie fuhr erschrocken in die Höhe, doch als sie Niort erblickte, erröthete sie wie eine junge Rose und reichte ihm freundlich die Hand. Dann begrüßte sie auch Wirbelwind, und dieser erzählte ihr mit der ihm eigenen Schnelligkeit in einer Minute Alles, was ihrem Freunde wiederfahren war.

Sie dankte dem Luftprinzen, daß er sich seiner so lebhaft angenommen hatte, und hörte mit Vergnügen Alles, was ihr Niort sagte. Als sie so in dem freundlichsten Gespräche begriffen waren, trat Ulyssiane plötzlich in das Zimmer und lärmte wie ein Fischweib, als sie die beiden jungen Männer sah. Isene war mehr todt als lebendig; aber Wirbelwind sah die Fee seitwärts an und wurde immer munterer, je mehr er die zürnende Furie verspottete und sie mit beißenden Reden verfolgte. Endlich entfernte er sich mit Niort, nachdem er der Prinzessin noch einmal gesagt hatte, sie solle ihn nur rufen, sobald sie seiner bedürfe.

Ulyssiane war vor Zorn außer sich. Sie ging zu dem Könige und schilderte ihm die Aufführung seiner Tochter mit den schwärzesten Farben, indem sie hinzufügte, er würde noch die Schande erleben, daß sie ihm entführt und er die Krone durch sie verlieren würde, wie es ihm prophezeiet worden sey. Der König erschrak und gab ihr Erlaubniß, mit seiner Tochter zu machen, was sie für dienlich halte, worauf die Königin sie sogleich auf die traurige Insel führte und ihr Arrogant zum Aufseher gab. Dort wurde sie in einen hohlen Baum gesteckt, der mitten in der Insel stand, und bekam nichts als Wurzeln und Datteln zur Nahrung, Auf den Aesten dieses Baumes saßen allerlei Unglücksvögel, Eulen, Raben und anderes Geschmeiß, die abscheulich krächzten; und jeden Morgen pflegte ein häßlicher Kautz seinen Unrath auf die Prinzessin auszuwerfen. Sie stand viel Elend aus; doch war es ihr Trost, daß sie nur allein litt und daß Niort in Sicherheit war.

Indem sie einst wieder beschäftigt war, an ihren abwesenden Freund zu denken, kam die Fee mit Arrogant daher, der einen dicken Strick in der Hand hielt, und hinter ihnen kamen ein Paar buckelige Zwerge. Die Prinzessin machte sich auf ihren Tod gefaßt; doch wie standhaft sie auch war, so gerieth sie doch in große Angst. Ein fast unwillkührlicher Trieb der Natur ließ sie nach ihrem Sprachrohre greifen, und sie rief so laut sie vermochte: »Wirbelwind, komm schnell herbei, es ist die höchste Zeit!«

Der Ton dieses Sprachrohrs war so entsetzlich, daß er ein Erdbeben in der halben Welt verursachte; einige Berge und Städte stürzten ein; die Löwen und Tiger, die damals noch geduldig wie die Lämmer waren, wurden von dieser Stunde an grimmig und wild. Viele Menschen starben vor Schrecken, und Ulyssianens Gemahl war einer der Ersten derselben. Die Fee, die dieses nicht erwartet hatte, fiel in Ohnmacht, Arrogant aber und die beiden krummen Zwerge gaben auf der Stelle den Geist auf. Der Baum, in welchem die arme Prinzessin steckte, wurde bis in seine tiefsten Wurzeln erschüttert, und als sie ihn recht ansah, hatte er sich in Gold verwandelt; die Aeste waren bunt emaillirt, und statt der Blätter hingen lauter Juwelen daran.

Plötzlich erblickte sie Niort und Wirbelwind, und konnte sich nicht enthalten, ein lautes Freudengeschrei auszustoßen. Der Luftfürst scherzte über das Erdbeben, aber Niort, den die Liebe schlau machte, war so keck und löste der noch immer ohnmächtigen Fee ihren Zaubergürtel ab. Er zeigte ihn der Prinzessin als ein erobertes Siegeszeichen, und Wirbelwind mußte herzlich über seinen Einfall lachen; er eilte schnell in den Palast, holte das Kopfkissen des Gottes Morpheus und legte es der Fee unter den Kopf.

Dann sagte er zu dem Prinzen: »Ulyssiane soll so lange schlafen, bis eine Tochter, von Dir und der Prinzessin Isene abstammend und ihrer Ahnfrau an Schönheit gleich, sie erweckt, und bis sie so gut geworden, als sie jetzt grausam ist. Sie trugen sie in den Baum, dessen Höhlung zu einem schönen Zimmer geworden war, und schoben ihr das Kissen wieder unter den Kopf. Ihren Gürtel hingen sie an einem Baumast auf, und die Leichen Arrogants und der beiden Zwerge legten sie an den Eingang der Insel. Ulyssiane schlief lange Jahre, und wer weiß, ob sie vielleicht nicht noch schläft.

Da Isenens Vater todt war, so wurde sie nun Königin und vermählte sich mit dem Prinzen Niort; aber nie vergaß sie, daß sie dem ehrlichen Wirbelwinde ganz allein ihr Glück zu danken hatte.